Meinung : Die sprachlose Forschung

Die internationale Wissenschaft ist stilistisch verarmt. Das hat auch inhaltliche Folgen, denn Sprache formt und organisiert den Intellekt.

Peter-André Alt

Im Herbst 1687 kündigte Christian Thomasius, Professor für Philosophie und Rechtsgelehrsamkeit, an der Universität Leipzig eine Vorlesung in deutscher Sprache an. Für die damalige akademische Welt bedeutete das einen revolutionären Schritt. Seit dem Mittelalter führte man den wissenschaftlichen Diskurs vorwiegend auf Latein. Bis tief ins 18. Jahrhundert hinein galt bestenfalls das Französische als akzeptable Alternative. An der Universität Leipzig war zu der Zeit, da Thomasius berufen wurde, noch eine Verordnung in Kraft, die deutschsprachige Vorlesungen generell verbot. Wer dagegen verstieß, hatte mit disziplinarischen Maßnahmen zu rechnen. Thomasius erinnert sich drei Jahrzehnte später daran, welchen Aufruhr seine Ankündigung damals auslöste: „Denkt doch! ein teutsch Programma an das lateinische schwarze Brett der löbl. Universität. Ein solcher Greuel ist nicht erhöret worden, weil die Universität gestanden.“

Manche Leipziger Dozenten erwogen tatsächlich, Thomasius’ Ankündigung mit Weihwasser zu besprengen, um sein regelwidriges Vorlesungsprogramm auf rituelle Weise zu bekämpfen. Dabei ging es dem jungen Professor gar nicht um ein patriotisches Bekenntnis, das zur Gelehrtenrepublik der Frühen Neuzeit schlecht gepasst hätte. Vielmehr versuchte er zu zeigen, dass es der akademischen Welt schlecht bekomme, wenn sie sich auf eine einzige Sprache konzentriere. Das Lateinische müsse, so verlangte er 1687, durch zwei große Sprachen Europas ergänzt werden: Französisch und Deutsch. Das Französische schätzte er wegen seiner Eleganz und Geschmeidigkeit – stilistische Tugenden, wie sie zur damaligen Zeit durch die kunstvolle Prosa eines Descartes, Bayle oder Fontenelle zur Geltung kamen. Das Deutsche aber müsse gleichberechtigt hinzutreten, denn seine Eignung für die Darstellung gelehrter Themen sei nicht geringer. Thomasius plädierte für Mehrsprachigkeit, und er erfüllte seine eigenen Forderungen konsequent: Seine Vorlesungen hielt er in Leipzig und später in Halle abwechselnd deutsch oder lateinisch.

Der Durchbruch des Deutschen als Wissenschaftssprache fand in der Epoche der Aufklärung statt. Seinen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur in den Geisteswissenschaften, sondern auch auf dem Feld der Naturforschung und der Medizin war Deutschland zu dieser Zeit führend. Wer die wichtigen wissenschaftlichen Debatten verfolgen wollte, musste die deutsche Sprache zumindest verstehen. Als Sigmund Freud 1909 in die U.S.A., an die Clark University in Massachusetts, eingeladen wurde, um dort die Grundzüge der Psychoanalyse vorzustellen, referierte er natürlich auf Deutsch. Seine Zuhörer, vorwiegend amerikanische Psychiater und Neurologen, waren durchweg in der Lage, dem Redner zu folgen, auch wenn kaum jemand unter ihnen die deutsche Sprache aktiv beherrschte. Noch in den 20er Jahren wurde an osteuropäischen Universitäten – in Polen und Russland – vielfach auf Deutsch unterrichtet; in Lettland und Georgien war die deutsche Sprache verbindlich für die meisten naturwissenschaftlichen Veranstaltungen. Das schloss aber keineswegs aus, dass man sich in Fachzirkeln auch des Russischen, Englischen oder Französischen bediente. Die Pluralität der Sprachen bildete ein Element der europäischen Wissenschaftsgemeinschaft, wie sie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand hatte.

Heute ist diese Vielfalt verloren und das Englische zur Lingua franca geworden. Die Vereinheitlichung der Sprachebene hat den Effekt der Vereinfachung in einem doppelten Sinn. Sie führt dazu, dass der wissenschaftliche Austausch über Ländergrenzen hinweg problemlos möglich ist. Hoch komplexe Terminologien müssen nicht übersetzt, kommentiert oder umschrieben werden. Bedenkt man, dass allein ein Fach wie die Chemie in ihrer jüngeren Geschichte Tausende von Fachbegriffen hervorgebracht hat, so ist dieser Prozess zweifellos zu begrüßen, denn er trägt zur besseren Verständigung in einer universellen Wissenschaftswelt bei. Forschung wird jenseits nationaler Grenzen leichter und umfassender zur Kenntnis genommen, weil Sprachbarrieren im Zeitalter eines globalisierten Englisch keine Rolle mehr spielen. Ein Nebeneffekt dieser Entwicklung ist, dass das Englische seinen Gesamtwortschatz stetig erweitert. Er umfasst heute mehr als eine Million Wörter. Gleichzeitig stagniert der Ausbau der gelehrten Fachsprachen in zentralen Bereichen des Deutschen, da sie kaum noch weitergepflegt werden. Das gilt vornehmlich für die Medizin und die Naturwissenschaften, die ausschließlich in englischer Sprache publizieren; derzeit erscheint in der Chemie und der Physik nur noch ein Prozent aller Artikel auf Deutsch. Die Zahl der Disziplinen, die ihre nationale Fachsprache nicht mehr ausbilden, weil sie durchweg englisch veröffentlichen, wächst stetig. Maßgebliche Bereiche der Sozialwissenschaften und erhebliche Teile der Geisteswissenschaften haben ihren nationalen Sprachanteil abgeschafft.

Vereinfachung bedeutet daher nicht nur Verbesserung der Kommunikation. Sie hat auch Einbußen sprachlicher Gewandtheit und Ausdruckskraft zur Folge. Die Teilhabe an einem globalen Wissenschaftsenglisch, das vorwiegend fachsprachlich geprägt, aber nicht mehr stilistisch nuanciert ist, führt zur Verflachung der Wissenschaftssprache. Sie ebnet das Besondere ein, steigert die Anpassung an eine allgemeine Normierung und beseitigt Nuancen. Das wissenschaftliche Englisch, das in den einzelnen Fachkulturen geschrieben wird, ist, anders als manches Vorurteil es will, keineswegs „schlecht und simpel“. Aber ihm fehlt da, wo die Verfasser keine Muttersprachler sind, die breite Grundlage einer individuellen und variantenreichen Sprachbeherrschung. Jenseits der reinen Fachsprachlichkeit lässt das internationale Wissenschaftsenglisch die besonderen Spannungsbögen vermissen, die sich allein aus einer perfekten Sprachkompetenz ergeben.

Ein guter Stil ist, wie Friedrich Nietzsche vermerkte, korrekt und charakteristisch zugleich. Korrektheit entsteht durch Regelkenntnis und Regeltreue, durch die sichere Einhaltung der vielfältigen Normen, die das System der Sprachen begründen. Charakteristisch dagegen wird der Stil durch das Vermögen eines Autors, innerhalb des geltenden Registers Freiräume kreativ zu nutzen. Erst über die wechselseitige Ergänzung dieser beiden Tugenden kommt die Spannkraft eines vorbildgebenden Stils zustande. Herder hatte diese Spannkraft als „Schönheit“ definiert, „die uns kein Nachbar durch eine Übersetzung entwenden kann“. Sie erzeugt jene Unverwechselbarkeit der sprachlichen Ausdruckskunst, die heutzutage in den Wissenschaften immer seltener geworden ist.

Eine individuell nuancierte Sprache bleibt auch deshalb unabdingbar, weil sie die angemessene Form für die wichtigste Tugend der Wissenschaft bildet: die der Neugierde. Wissenschaftliche Neugierde kann, grundsätzlich betrachtet, in drei Ausprägungen erscheinen. Als Haltung oder Einstellung bestimmt sie den Standpunkt des Betrachters, der wissenschaftlich arbeitet. Als Prinzip der Entdeckungslust ermöglicht sie die Durchdringung der Oberfläche oder die Überschreitung von Grenzlinien, die durch Konventionen und Regeln gezogen werden. Als Impuls des Fragens, Nachfassens und Suchens steht die Neugierde schließlich für die Beharrlichkeit des Intellekts, der sich nicht mit einfachen Antworten begnügen möchte, sondern den Nachdruck wissenschaftlicher Forschung begründet. Sämtliche dieser Gesichtspunkte haben auch etwas mit der Sprache zu tun, derer wir uns bedienen. Eine Wissenschaftssprache, die von Neugierde getrieben ist, darf sich nicht mit Floskeln zufriedengeben. Die Alltagsmünze einer formelhaften Sprache ist dazu so wenig tauglich wie ein Stil, der sich aus der bloßen Nachahmung handelsüblicher Wendungen und Termini ableitet.

Die Kraft des Denkens beruht auf der Fähigkeit, Stereotypen und Konventionen zu meiden. Die Sprache, in der es sich artikuliert, ist ihm nicht äußerlich. Sie formt und organisiert den Intellekt, gliedert die Argumentation und den Aufbau der Darstellung. Die Sprache der Wissenschaft muss in ihren Begriffen eine Verständigungsbasis begründen, die für die Verbindlichkeit ihrer Aussagen sorgt. Aber sie sollte auch die nötige Freiheit der Geistesarbeit ermöglichen, indem sie neben die allgemeinen Begriffe, die sie braucht, die Individualität des Ausdrucks rückt. Schematischer Stil geht auf unoriginelles Denken zurück, er ist das Zeichen der Kapitulation vor Konventionen und Mittelmaß.

Heutzutage wird zu Recht darüber geklagt, dass die Wissenschaft nicht in der Lage sei, ihre Forschungsresultate anschaulich und prägnant zu vermitteln. Dieser Mangel geht auf den oben benannten Umstand zurück, dass die Gemeinschaft der Forschenden durch die Internationalisierung ihrer Sprache enger zusammengerückt ist. Die Macht universeller Kategorien und Wendungen scheint gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften gewachsen zu sein. In Zeiten globaler Kommunikationsverbünde betet man immer schneller nach, was zum globalen Trend gehört. Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge klar verständlich zu machen, geht der Wissenschaft dabei zunehmend abhanden. Man verschanzt sich hinter Abstraktionen, Leerformeln und Stereotypen, ohne dass die Bereitschaft zur transparenten Darstellung besteht. Dem Latein des scholastischen Mittelalters vergleichbar verhindert das Englisch der postmodernen Wissenschaftsgemeinschaft offenkundig die Annäherung an das Laienpublikum. Große Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts wie Einstein, Freud, Warburg, Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker waren sämtlich in der Lage, die Ergebnisse ihrer Forschungstätigkeit verständlich darzustellen. Sie galten als meisterhafte Stilisten, weil sie klar und präzise, anschaulich und begriffsgenau zu schreiben vermochten. Heute ist diese Fähigkeit nur noch wenigen gegeben, da der individuelle Stil als Bedingung exakter Vermittlung im Gestöber einer eintönigen Wissenschaftssprache verloren ging.

Es mag kein Zufall sein, dass Wissenschaftler des angloamerikanischen Sprachraums das Vermögen zur verständlichen Darstellung ihrer Forschungsergebnisse häufiger besitzen als ihre deutschen Kollegen. Die Ursache dafür liegt nicht, wie man gern hört, in der höheren Wertschätzung, die der populäre Stil in Großbritannien oder den USA genießt. Der Grund dafür ist vielmehr, dass zahlreiche deutsche Wissenschaftler – ebenso wie Niederländer, Skandinavier oder Spanier – ihre Forschungsergebnisse doppelt übersetzen müssen, um sie breitenwirksam zu erklären: zunächst aus dem Englischen in die Muttersprache, dann von der Fachdiktion in einen allgemeinverständlichen Duktus. Erst im Zusammenwirken von Alltagssprache, individuellem Stil und Fachterminologie kann die populäre Vermittlung wissenschaftlichen Denkens gelingen. Dort, wo dieses Dreieck zerstört ist, weil Alltagssprache und Wissenschaftssprache einander doppelt entfremdet sind, scheitert auch der Versuch, Forschung zu dolmetschen. Die Abkopplung der Wissenschaftssprache von den nationalen Einzelsprachen Europas zeitigt hier traurige Konsequenzen.

Christian Thomasius richtete sich 1687, als er seine deutsche Vorlesung ankündigte, entschieden gegen die Monotonie einer einheitlichen Gelehrtenprosa. Mit Verve bekämpfte er die verbreitete Auffassung, dass diejenigen, die ihre Wissenschaft nicht auf Latein vertraten, „den Kopff mit Gritze gefüllet hätten.“ Auch wir brauchen heute eine vielsprachige Wissenschaft, die es erlaubt, die Gleichförmigkeit eines weltweiten Jargons zu vermeiden und Denkstile unterschiedlichster Art auszuprägen. Globale Verständigung, wie sie das Englische gewährt, sollte die Individualität gelehrter Sprachen nicht ausschließen. Zu erhalten ist die Vielfalt und Nuanciertheit des individuellen Ausdrucks auch dort, wo es um scheinbar exklusive Forschung geht. Nur so kann Wissenschaft durch die Klarheit ihrer Aussagen breiter wirken und eine ihrer vorzüglichsten Aufgaben erfüllen: die, ein Vorbild zu sein für genaues Denken.

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