Drogendealer im Görlitzer Park : Kiez in Angst? Unsinn!

Der Görlitzer Park strotzt vor Dealern. Deshalb fordern einige Anwohner Sicherheitslotsen für Grundschüler. Das ist aber vollkommen unnötig - das Angstszenario, das dahinter steckt, ist reine Fiktion.

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Nicht schön, aber selten: Der Görlitzer Park in Kreuzberg. Treffpunkt für Familien, Studenten - und Drogendealer.
Nicht schön, aber selten: Der Görlitzer Park in Kreuzberg. Treffpunkt für Familien, Studenten - und Drogendealer.Foto: Sylvia Vogt

In der 151. Episode der lebensklugen Fernsehserie „Die Simpsons“ („Volksabstimmung in Springfield“) wandert ein Bär in die Stadt ein, woraufhin die Bürger durchdrehen und ein kostspieliges Anti-Bären-Patrouillensystem entwickeln. Dadurch steigen die Steuern, was den Einwohnern auch nicht passt, woraufhin der von Grund auf korrupte Bürgermeister die Ausländer zum Sündenbock erklärt, die man aber per Volksentscheid aus dem Land schmeißen könnte. Mit anderen Worten: ein Irrsinn alles, aber begeistert beklatscht, erst recht, als die Frau des Pfarrers im allgemeinen Getobe hysterisch anfragt, ob nicht wenigstens „ein einziges Mal jemand an die Kinder“ denken könne. Soweit die Lage in Springfield, und damit nach Berlin, genauer: in den Görlitzer Park.

Angsttherapie statt Eskorten

Hier an die Kinder zu denken, bedeutet für einige, eine Art Lotsensystem zu fordern, bei dem Grundschulkinder von der einen Seite auf die andere Seite eskortiert werden sollen. Denn im Görlitzer Park werden Drogen verkauft. Und deshalb braucht es angeblich Eskorten, zum Schutz der Kinder. Dahinter steht wohl der Gedanke, dass die Dealer sich anderenfalls an Grundschülern vergreifen würden, ihnen Drogen verabreichen. Es ist – nach allem was zu erfahren ist – die reine Fiktion.

Zwar hat die Polizei schon darauf hingewiesen, dass die Dealer aus dem Görlitzer Park, in der Regel Verkäufer von Haschisch und Gras angeblich minderer Qualität, bisher nicht durch besondere Gewalttaten aufgefallen sind. Allein: Es nützt nichts. Denn es gibt Menschen, die Angst haben, wenn sie andere Menschen sehen, die Drogen verkaufen. Diese Angst ist in den allermeisten Fällen unbegründet, ja: irrational. Für diese Menschen ist der Görlitzer Park im Moment vielleicht ein schlechter Ort. Wahrscheinlich wäre ein anderer Park für sie ein besserer Ort, auch eine Angsttherapie könnte helfen.

Unser Autor Tiemo Rink.
Unser Autor Tiemo Rink.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Alle 2,8 Tage eine Razzia

Anders sieht es aus, wenn Kinder instrumentalisiert werden, die es mit Eskorten engagierter Anwohner gegen Dealer zu schützen gelte. Den Dealern, in den meisten Fällen Afrikanern, traut man offensichtlich eine ganze Menge zu. Und wenn selbst vor Kindern nicht Halt gemacht wird – was für ein Schicksal blüht dann den Erwachsenen? Das Treiben im Park versetze einen ganzen Kiez in Angst, ist zu erfahren, geduldet durch Politik und Polizei. Was für ein Unsinn.

Auf insgesamt 59 Razzien hat es die Polizei im ersten Halbjahr gebracht. Bei 166 Tagen von Januar bis einschließlich Juni bedeutet das, dass die Beamten durchschnittlich alle 2,8 Tage im Park Drogendealer jagen. Das ist nicht selten. Nicht mit einberechnet sind hierbei die Polizisten, die den Park außerdem noch durchstreifen – in Uniform oder zivil.

Wer gefragt wird, kann "Nein" sagen

Immer aufdringlicher seien die Dealer, würden mittlerweile auch normale Passanten ansprechen. Nun, so funktioniert Drogenhandel. Das ist das Wesen des Dealers: Er fragt Leute. Wer gefragt wird, kann „Nein“ sagen. In wohl 99,9 Prozent aller Fälle ist das Gespräch dann beendet. Stattdessen wird ein Schreckensszenario entworfen, in dem Drogenhändler zwecks Absatzsteigerung jedem kaufunwilligen Passanten eins auf die Nase geben – oder ihn gleich ausrauben. Wenn aber jedes Drogengeschäft mit Verletzten einherginge, wäre der Park voller Polizei, Tag und Nacht.

Ein Hauch von Springfield

Nun ließe sich natürlich sagen, Drogen zu verkaufen ist verboten, und was verboten ist, darf nicht gemacht werden. Dass dieses Argument aber keines ist, zumindest nicht aus Sicht eines Drogenkonsumenten, wissen natürlich auch diejenigen, die jetzt nach mehr Kontrollen rufen. Und so weht ein Hauch von Springfield durch den Görlitzer Park, verstärkt noch durch diejenigen, die das Anzünden fremder Leute Autos für ein geeignetes Argument halten. Wer aber meint, mit dem Hinweis auf notleidende Kinder im Park das Spitzen-Argument zu liefern, der hat ein Problem: Augenscheinlich stimmt es nicht.

Denn im Park wimmelt es von Menschen – darunter viele Kinder. Und das trotz Dealern, trotz Besoffener, trotz Grillschwaden und freilaufender Hunde. Sind diese Menschen denn alle lebensmüde? Kein Zweifel, der Görlitzer Park ist eine No-go-Area. Man kann dieser Tage kaum einen Fuß hineinsetzen. Viel zu voll.

Das Treiben im Park versetze den Kiez in Angst, heißt es, geduldet von Politik und Polizei. Was für ein Unsinn.

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