Ehec-Epidemie : "Bio" ist nicht gesünder - und manchmal gefährlich

07.06.2011 11:02 Uhrvon
Höchste Konzentration. Mitarbeiter des BfR und des RKI nehmen Proben auf dem Bio-Betrieb in Bienenbüttel. Foto: dapd
Höchste Konzentration. Mitarbeiter des BfR und des RKI nehmen Proben auf dem Bio-Betrieb in Bienenbüttel. - Foto: dapd

Die "german angst" diktiert die Gesetze und verschließt vor realen Risiken die Augen. Die Ehec-Epidemie zeigt, dass es die Natur ist, von der die eigentliche Gefahr in der Nahrung ausgeht - allem Öko-Kitsch zum Trotz.

Bio ist gut, Chemie ist böse. Diese Botschaft wird uns täglich eingetrichtert. Und nun das: Hunderte erkranken an einem Darmkeim, den sie sich offenbar über frisches Gemüse zugezogen haben. Mehr als zwanzig Todesfälle sind bisher zu beklagen. Manches spricht dafür, dass „Bio“Sprossen die Ursache sind. Die Mikroben-Fahnder haben einen Biohof in Niedersachsen ausfindig gemacht, der laut seiner Webseite auf „chemischen Kunstdünger“ ebenso verzichtet wie auf Gentechnik.

Von diesem Hof gelieferte Sprossen könnten den tödlichen Keim verbreitet haben.

Es ist makabere Ironie, dass ausgerechnet die böse Chemie in Form von Antibiotika und anderen Arzneimitteln und die Gentechnik in Gestalt biotechnisch hergestellter Medikamente nun die Menschen rettet, die möglicherweise „Bio“ in Gefahr gebracht hat – falls sich die Indizien bestätigen.

Eigentlich beschäftigt sich die Öffentlichkeit eher mit den vermeintlichen Risiken der industriellen Landwirtschaft. Wie mit Pestizidrückständen, auch wenn diese so gering sind, dass keine Gefahr von ihnen ausgeht. Oder mit „Genmais“, der harmlos ist, aber wie Sondermüll behandelt wird. Die „german angst“ diktiert die Gesetze und verschließt vor realen Risiken die Augen. Die Ehec-Epidemie zeigt, dass es die Natur ist, von der die eigentliche Gefahr in der Nahrung ausgeht, allem Bio-Kult und Öko-Kitsch zum Trotz.

Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 200.000 Erkrankungsfälle durch Lebensmittel gemeldet. Erreger sind Colibakterien wie Ehec, Salmonellen und Listerien, dazu Viren, Parasiten, Pilze. Mitunter verlaufen die Infektionen tödlich, noch nie haben sie jedoch solche Aufmerksamkeit erregt wie jetzt die Ehec-Epidemie. Krank machende Mikroben sind Geschöpfe einer Millionen Jahre währenden Evolution, ihre Biowaffen haben sie in der Auseinandersetzung mit ihren Wirten entwickelt und geschärft. Darum sind sie gefährlich. Auch die von uns verzehrten Pflanzen produzieren oft jede Menge Gifte. Schließlich ist es nicht in ihrem Sinn, von uns gegessen zu werden. Erst Jahrtausende der Züchtung haben die Natur genießbar und gesund gemacht. Meistens.

Bio-Lebensmittel sind nicht nachweislich gesünder als herkömmlich erzeugte und manchmal sogar gefährlicher. Ein Grund ist der Verzicht auf Kunstdünger. Zur Düngung eingesetzte Gülle, Mist und Kompost können Krankheitserreger enthalten. Auch der Hang zu rohen, naturnahen und unbehandelten Lebensmitteln hat seine Tücken. Eine häufige Quelle von Ehec-Ausbrüchen ist nicht erhitzte Rohmilch. Und immer wieder fallen Bioprodukte durch Keimverunreinigungen auf, wie aus einer Auswertung der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2007 hervorgeht.

Noch sind viele Fragen im Zusammenhang mit dem Ehec-Ausbruch ungeklärt. Schon jetzt aber ist klar, dass jenseits aller Glaubenskriege um die wahre Landwirtschaft und das richtige Essen alles getan werden sollte, damit sich ein solches Geschehen nicht wiederholt. Mutter Natur meint es nicht nur gut mit uns.

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