Meinung : Eier im Unrecht

Das neue Europa-Urteil zur Fortpflanzungsmedizin ist falsch, aber weise

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Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Eine selbstverständliche Feststellung, weshalb überraschen muss, dass für ihr Erbgut anderes gilt. Zwischen Ei- und Samenzelle macht das Gesetz einen Unterschied. Paare dürfen sich ihren Wunsch nach Kindern mit ärztlicher Hilfe und fremdem Samen erfüllen. Jedoch nach künstlicher Befruchtung die gespendete Eizelle eine anderen Frau in die Gebärmutter einzupflanzen, ist verboten.

Ein Widerspruch? Eine Diskriminierung? In Parlament und Regierung in Berlin dürfte am Donnerstag mancher aufgeseufzt haben, als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg sein Urteil verkündete. Paare aus Österreich, wo neben der Eizellspende auch die Samenspende für die In-vitro-Zeugung untersagt ist, sind mit ihren Klagen gescheitert. Hätten sie obsiegt, wäre in der Bundesrepublik eine sensible Debatte darüber losgebrochen, was Muttersein und Mutterschaft im biologischen Sinn bedeuten soll. Komplizierter noch: Ob man sich dies von Richtern aus Straßburg einfach vorschreiben lassen will. Am Ende wäre es nicht anders gegangen. Über kurz oder lang hätte das deutsche Verbot fallen müssen.

Auch wenn es nur wenige trifft, es wäre ein Hoffnungsschimmer für unfruchtbare Frauen gewesen, die gezwungen sind, sich im Ausland helfen zu lassen. Doch Europa zehrt derzeit am Haushalt des Bundes und den Nerven der Bürger, weshalb die Richter ein juristisch falsches, politisch gleichwohl weises Urteil gesprochen haben. Sie halten sich heraus. Sie wollen die gebeutelte Gemeinschaft nicht mit einem weiteren Pfund belasten.

Das ändert nichts an der Tatsache der Diskriminierung, die nach der Europäischen Menschenrechtskonvention genauso verboten ist wie nach dem Grundgesetz. Eier und Samen sind gleichberechtigt. Für Unterscheidungen gibt es keinen Grund. Die Regierungen in Österreich und Deutschland argumentieren, es solle klar sein, wer die Mutter eines Kindes ist. Es solle nicht zwei biologische Mütter geben, die zugleich behaupten dürfen, dass ein Kind ihr eigenes sei.

Eine seltsame Ovologie, die aus der Zeit gefallen ist. Dass um Kinder gezerrt würde wie in Brechts kaukasischem Kreidekreis, befürchtet ernstlich niemand. Im vierten Jahrzehnt nach Geburt des ersten „Retortenbabys“ sind genetische, biologische und soziale Elternschaften ebenso abgrenzbar wie zweifelsfrei nachweisbar. Unsicherheiten könnten beseitigt, Missbrauch könnte vorgebeugt werden. Wer anführt, Kinderseelen würden mit ihren Doppelmüttern in Identitätskrisen gestürzt, müsste die Betroffenen vor die Alternative stellen, niemals geboren worden zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass Kinder sich mit allen Formen von Vätern seit Menschengedenken ganz gut arrangieren; gleichgültig, ob sie von ihnen gezeugt wurden oder nicht.

In der Diskussion um die Eizellspende scheint deshalb etwas auf wie in jener um die Präimplantationsdiagnostik. Moralische Implikationen zu Fragen der Schöpfung, die im Hinblick auf die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin neu beantwortet werden müssen. Darauf weist auch der Gerichtshof hin. Er will es den Staaten überlassen, ihren eigenen Konsens zu suchen, und will alle Ergebnisse akzeptieren, solange man sich nur erkennbar Mühe mit dem Thema gibt. Mit kunstgerechter Auslegung der Menschenrechtskonvention hat dies wenig, mit Respekt vor politischer Realität und nationalen Befindlichkeiten alles zu tun.

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