Meinung : Ein Diktator sucht Logis

Auf der tunesischen Insel Djerba wird vermutlich über ein Exil für Gaddafi verhandelt

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Es gibt Nachrichten, die weder bestätigt noch als falsch deklariert werden, deren Wahrscheinlichkeitsgrad aber so hoch ist, dass er nicht einmal durch ein ausdrückliches Dementi gemindert würde. In diese Kategorie fallen Meldungen über ein Zusammentreffen von Vertretern des libyschen Diktators Gaddafi mit Beauftragten der Rebellen, die seit Monaten gegen den exzentrischen Machthaber kämpfen.

Auf der tunesischen Ferieninsel Djerba sollen sie erste Geheimverhandlungen geführt haben. Mehrere ausländische Parteien seien beteiligt, heißt es. Beobachter wollen ein südafrikanisches Flugzeug und Militärhubschrauber des Emirats Katar gesehen haben.

Die wenigsten Diktaturen enden lehrbuchmäßig, durch einen erfolgreichen Aufstand der das Joch abschüttelnden Bevölkerung etwa, wie gerade in Ägypten. Auch dass sie durch entschlossene ausländische Intervention beseitigt werden, wie Adolf Hitler nach dem von ihm angezettelten Weltbrand, ist eher die Ausnahme.

In den letzten Jahrzehnten hat sich, gerade in Afrika, eine andere, nur von ihren Initiatoren als elegant empfundene, moralisch eher bedenkliche Variante eingespielt. Den Gewaltherrschern wird, sollten ihre Throne wanken, irgendwo ein Exil bereitet, in das sie sich, unter Mitnahme geraubter Millionen, absetzen. Vor allem Frankreich war für diese recht zynische Lösung der Führungsprobleme in seinen ehemaligen Kolonien bekannt. Es gewährte den einstigen Kumpanen auch gerne luxuriösen Unterschlupf. Der wohl berühmt-berüchtigste unter ihnen ist der zentralafrikanische Usurpator Bokassa gewesen, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte und aus Wut darüber, dass der Papst ihm den Segen verweigerte, zum Islam übertrat.

Es wundert daher nicht, dass auch nun wieder, im Fall Gaddafi, französischer Einfluss bei den Vermittlungen vermutet wird, obwohl Frankreich am Beginn des Aufstandes als erstes europäisches Land die Rebellen durch Luftangriffe unterstützte. Nach mehr als drei Monaten ist jedoch klar, dass Gaddafi durch Kampfflugzeuge alleine nicht von der Macht gebombt werden kann. Bodentruppen wird keines der Nato-Länder einsetzen, ohne die aber ist Gaddafi nicht zu stürzen. Der Diktator selbst hat auch nur wenig Chancen, das ganze Land wieder unter Kontrolle zu bekommen. Was also tun, wenn Libyen nicht gespalten werden soll, woran niemand ein Interesse haben kann? Da bietet sich eine das Gesicht aller, selbst das der Franzosen, wahrende Lösung an. Der Diktator erhält freies Geleit und reist in ein Land, das bereit ist, das diplomatische Risiko seiner Aufnahme zu tragen.

Erschwert wird diese Variante durch einen Haftbefehl, den der Chefankläger des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag am 16. Mai gegen Gaddafi, dessen Sohn Seif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef beantragt hat. Danach müsste jeder Staat, der Gaddafis habhaft wird, ihn nach Den Haag ausliefern. Ein Land zu finden, dass es sich leisten kann, beide Augen zuzudrücken, nicht zuletzt darum geht es auf Djerba.

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