Ein Jahr Utøya : Sensation der christlichen Feindesliebe

22.07.2012 11:45 Uhrvon
Foto: dpa

Keine Lynchjustiz: Anders Breivik hat ungewollt den Blick der Welt auf Norwegens atemberaubend freiheitliches Gesellschaftsklima gelenkt, auf eine Zivilgesellschaft, die fast vollends ohne Rachedrang auskommt.

Ein Jahr ist es her, dass die kleine norwegische Insel Utøya in die Weltpresse katapultiert wurde. Ursache war ein Fanatiker, der auf diesem Ferienort einen Massenmord an Kindern und Jugendlichen verübte. Detailliert und über Jahre plante Anders Breivik die Tat, mit der er den Nachwuchs der sozialdemokratischen Partei seines Landes auslöschen wollte. Seit genau einem Jahr sind 77 Menschen nicht mehr am Leben, weil ein politisierter Krimineller sich das Recht auf massenhafte Lynchjustiz anmaßte.

Seit genau einem Jahr ist der geständige 33-Jährige in Haft, seit Juni in der Osloer Haftanstalt Ila. Ob die Richter ihn für psychisch krank erklären werden oder für zurechnungsfähig, wird Ende August entschieden – er wird mindestens die kommenden beiden Jahrzehnte nicht in Freiheit sein.

Angesichts des Mannes, den Medien mitunter „ein Monster“ nannten, war und bleibt das unvergleichlich zivilisierte Norwegen, wo sich skandinavische Toleranz mit Ölreichtum verbindet, maximal demokratisch, maximal menschlich. Da Breivik als „VIP-Häftling“, wie eine norwegische Zeitung ihn nannte, auch aus Sicherheitsgründen kaum Kontakt zu Mitgefangenen unterhalten kann, sucht der Direktor der Osloer Haftanstalt Ila jetzt professionelle Schachgegner und Sportpartner für den „sosial omgang“ des Gefangenen mit „spesialbehandling“. Komplette Isolation, das darf in Norwegen auch für jemand wie diesen Täter nicht sein, für den ein Hochsicherheitstrakt fertiggestellt wurde.

Norwegen hat den wohl weltweit liberalsten Strafvollzug der Welt entwickelt. Ein Beispiel dafür bildet eine völlig andere Insel im Oslofjord, eine, die nahezu utopisch wirkt: Bastøy. Von 1900 bis 1953 war das Eiland ein berüchtigtes Heim für „schwer erziehbare“ Jungen, eher Arbeitslager als ein Ort, der Schutz bot. Im Norwegen der Gegenwart beherbergt Bastøy verurteilte Totschläger, Betrüger, Drogendealer. Die Atmosphäre hat sich umwälzend gewandelt. Es gibt auf der Insel weder Stacheldraht noch Mauern, Wachen tragen keine Waffen. Auf Biobauernhöfen mit Kühen, Schafen und Arbeitspferden züchten die Langzeithäftlinge Gemüse und Blumen, sie pflügen Felder und schlagen Holz im Wald. In ihrer Freizeit können sie sich frei bewegen, Angeln gehen, am Strand baden, Fahrrad fahren, Fußball spielen, die Bibliothek besuchen, im Kinoraum Filme sehen. Wie in einer dörflichen Gemeinschaft leben sie in kleinen Häuschen, sie haben eigene Schlüssel, bei der Arbeit hantieren die Kriminellen mit Kettensägen, Schraubenziehern und Messern.

Fotoreportage zu den Breivik-Attentaten vor einem Jahr:

Flucht kommt so gut wie nie vor, die Rückfallquote ehemaliger Insassen der Insel ist mit 16 Prozent verblüffend niedrig – im übrigen Westeuropa liegt sie bei 60 bis 70 Prozent. Das Motto im Umgang mit Kriminellen lautet: „Behandelt man jemanden menschlich, dann wird er selber menschlich sein.“ Zu den Werten, die die „Inselgemeinschaft“ vertritt, gehört das besondere Augenmerk aller auf soziale Kompetenz, auf respektvolle Beziehungen zwischen Menschen und deren gutes Verhältnis zur natürlichen Welt, die sie umgibt.

Bildergalerie: Der Prozess gegen Anders Breivik

Im Grunde ist es nichts mehr und nichts weniger als die Sensation der christlichen Feindesliebe im modernen, säkularen Gewand, die auf einer solchen Insel Wirklichkeit wird, einem Symbol für das ganze Land. Anders Bering Breivik wird so gewiss nicht in einer der vielen, offenen Haftanstalten Norwegens landen, da ihn die Maximalstrafe von 21 Jahren erwartet. Mit seinen Taten hat er kaum einzuhegendes Unglück verursacht. Ungewollt hat der Täter aber auch den Blick der Welt auf Norwegen gelenkt, auf dessen atemberaubend freiheitliches Gesellschaftsklima, auf eine Zivilgesellschaft, die fast vollends ohne Rachedrang auskommt, und auf ein Justizsystem, das Modelle wie die Insel Bastøy vermittelt.

Spürbar war das alles schon in den ersten Tagen nach dem Anschlag auf der Insel Utøya. Und es ist jetzt noch da, sogar am Beispiel des Gefängnisdirektors, der einen Schachpartner für einen Mörder sucht. Mit solchen Zügen, mehr als mit allen Mitteln der Gewalt, setzt eine offene Gesellschaft ihre Widersacher schachmatt.

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