Einbürgerungsfeiern : Deutsch werden im Schloss Bellevue

Deutschland ist als Zuwandererland beliebt: Seit 2008 lassen sich Jahr für Jahr mehr Menschen einbürgern. Und bereits seit 13 Jahren gibt es offizielle Einbürgerungsfeiern. Eine Bilanz.

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Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2011 mit neuen Staatsbürgern.
Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2011 mit neuen Staatsbürgern.Foto: dpa

Der Blick ins Archiv kann aufschlussreich sein. Am 28. April 2001 findet sich der allererste Artikel zum Stichwort „Einbürgerungsfeier“ in dieser Zeitung. Daraus geht hervor, wie die Parteien in Berlin über das Thema gestritten haben. Ein Vorwurf der Grünen: Die CDU tue so, als ob die Einbürgerungen ein Grund zum Feiern seien, gleichzeitig lege sie aber Ausländern ständig Steine in den Weg.

13 Jahre können eine wohltuend lange Zeit sein. Was sich 2001 bei vielen noch komisch und wie Neuland anfühlte, ist heute gut einstudierte Praxis in Kommunen und Kreisen landauf, landab: das gemeinsame Singen der Nationalhymne, das Überreichen der Einbürgerungsurkunde und das Bekenntnis zum Grundgesetz als feierlicher Schlussakt eines bürokratischen Aktes. Und dem Satz, dass eine Einbürgerung ein guter Grund zum Feiern ist, würde im alternden Deutschland heute wohl kaum noch jemand ernsthaft widersprechen.

Geschadet hat die Einführung der feierlichen Zeremonien offenbar nicht, im Gegenteil: Seit 2008 lassen sich Jahr für Jahr mehr Menschen einbürgern, im Jahr 2012 waren es 112 300. Dazu passt, dass Deutschland als Zuwandererland nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) inzwischen das zweitbeliebteste Industrieland ist. Das Werben mit einer „Willkommenskultur“, die klassische Einwanderungsländer wie die USA, Kanada oder Australien schon lange vorleben, zahlt sich aus.

Juliane Schäuble.
Juliane Schäuble.Foto: TSP

An diesem Donnerstag hat auch der Bundespräsident 22 Neubürger in sein Schloss eingeladen, Anlass ist der 65. Geburtstag des Grundgesetzes am Tag darauf. Die Partygäste kommen aus Bolivien, Brasilien, von der Elfenbeinküste, aus Ghana, dem Iran, Israel, Kamerun, Nepal, Polen, aus Rumänien, der Türkei, der Ukraine und aus Ungarn. Joachim Gauck wird, da bleibt er sich treu, für mehr Integration, Toleranz und Offenheit werben. Deutschland lerne gerade erst, sich als Einwandererland zu fühlen, hat der Bundespräsident neulich bei seinem Besuch im Berliner Stadtteil Wedding gesagt. Noch nicht alle Deutschen seien sich bewusst, dass Zuwanderung die Zukunft ihres Landes sichern hilft und nicht zuletzt daher zwingend erforderlich ist. Joachim Gauck hat recht, wenn er die Offenheit einfordert.

Die Einbürgerungszahlen als Vertrauensbeweis

Denn der zeitgleich in München stattfindende Prozess um die Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ erinnert daran, was passieren kann, wenn sich Ressentiments und Fremdenangst in den Köpfen festsetzen: Jahrelang ermordeten Rechtsextreme Mitbürger ausländischer Herkunft, getrieben von ihrem Hass auf Fremde.

Dass die Sicherheitsbehörden so lange nicht darauf gekommen sind, dass die Morde zusammenhingen und allesamt ein fremdenfeindliches Motiv hatten, gehört nun auch zum hässlichen Teil der Geschichte dieses Landes.

Fünf Jahre ist es her, dass Angela Merkel zur ersten Einbürgerungsfeier ins Kanzleramt einlud. Ihr Wunsch damals: dass noch weit mehr Menschen Vertrauen in dieses Land hätten. Aktives Gegensteuern tat not, war doch die Zahl der Einbürgerungen im Jahr 2008 auf ein Rekordtief gefallen.

Die Zuwanderungs- und Einbürgerungszahlen sind ein beeindruckender Vertrauensbeweis für ein Land, das sich lange Zeit schwertat mit der Erkenntnis, dass es sich öffnen muss für Menschen aus aller Welt.

Natürlich hat dieses Vertrauen auch durchaus berechenbare Gründe: Im Vergleich zu den meisten seiner europäischen Nachbarn – vom weltweiten Vergleich gar nicht zu sprechen – steht Deutschland wirtschaftlich hervorragend da und bietet seinen Bürgern ein Ausmaß an sozialer Sicherheit, das sie in anderen Ländern vergeblich suchen.

Kein Neuland mehr

Aber anders, als viele glauben machen wollen, haben die meisten Zuwanderer einen Job, wenn sie nach Deutschland kommen, zahlen Steuern und Sozialabgaben. Und sie sind unter dem Strich deutlich besser ausgebildet als früher. Ja, sie wollen ein besseres Leben. Aber der Großteil von ihnen will dies durch aktives Mittun erreichen, nicht durch Ausnutzen des deutschen Sozialsystems.

Wenn Joachim Gauck seine Schlosstüren heute für 22 Neubürger aus aller Welt öffnet, ist das ein symbolischer Akt. Aber es ist kein Neuland mehr – auch wenn Gauck nach Christian Wulff erst der zweite Präsident ist, der die Einbürgerung feiert.

Deutschland ist einen weiten Weg gegangen, seit vor 13 Jahren in Berlin über die ersten staatlichen Einbürgerungsfeste gestritten wurde.

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