Einheitsdenkmal : Wir sind eine Wippe

Der Entwurf für das Einheitsdenkmal ist wie Berlin: hipp, unfertig, frei, großartig. Ein Plädoyer für die Wippe.

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Der Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal.
Der Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal.Foto: dpa

Immerhin in einem ist die Berliner Republik der Stadt ähnlich, in der sie ihr Zentrum gefunden hat: Erst einmal wird gemeckert. Diesmal erregt sich der Feuilletonbetrieb, der die große Politik gern abgewandt begleitet, über das geplante Einheitsdenkmal: Eine überdimensionale Wippe mit den Worten der friedlichen Revolution („Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“) soll am Rande der Schlossplatz-Palast-der-Republik-Brache künftig die „Bürger in Bewegung“ bringen.

Zu verspielt, nicht andächtig genug und trotzdem großkalibrig auf der Freifläche Schlossfreiheit – so lautet die Kritik. Und aus vielen Ecken der großen Politik gibt es Ärger wegen des Auswahlverfahrens: Das mündete zunächst in eine Entscheidung gegen eine Entscheidung und danach in eine Entscheidung ohne Bürgerbeteiligung. Blöd gelaufen – aber gut geworden.

Ja, das ausgewählte Einheitsdenkmal muss endlich gelobt werden. Die begehbare Schale regt zum Mitmachen an – und damit zum Mitdenken. Insbesondere für die Touristen, die in Berlin den urbanen Lifestyle des Grenzenlosen zu finden hoffen und dann auf der Suche nach den letzten Mauerresten durch die Stadt irren, kann sie ein hilfreicher Anstoß sein: Das Hippe, Unfertige, Freie dieser einstmals geteilten Stadt ist auf dem Unterputz ihrer Häuser und Freiflächen eingraviert. Es lebt in auferstandenen Ruinen, die die Ostdeutschen einst mit ihrem Leben in der Diktatur und dann mit ihrem Mut gefüllt haben, und die deshalb nicht alle planiert werden dürfen.

Berlin ist arm und sexy wegen der Teilung, deren Narben im einstigen Westteil genauso zu sehen und zu spüren sind. Auf diesem Unterputz, mit diesen Narben hat ein neues Leben im alten begonnen – ein Aufbruch aus eigenem Antrieb. Dies kann ein Denkmal verdeutlichen, dass auf einer Freifläche im Zentrum steht, die nach einem neuen Ausdruck sucht (einem anderen als einem Palast oder einem Schloss). Ein Denkmal, dessen Merkmal der Antrieb ist.

Gleich um die Ecke macht es das private DDR-Museum vor, in dem man Erinnerungen aus Schubfächern holt, was manchen Reflex der Nostalgie bedient, und das enormen Zulauf hat. Das zwischenzeitliche Pendant dazu, die Freiluftausstellung über die friedliche Revolution auf dem Alexanderplatz mit ihren Installationen und Videostationen, lockte eine Million Menschen an, insbesondere junge Leute und Touristen. Dummerweise hat man die Schau mitten im Erfolg abgerissen. Das Nachdenken kann also genau da stattfinden, wo es angeblich nicht hingehört. Und es kann einsetzen mit einer spielerischen Annäherung. Warum soll ein Denkmal nicht Spaß machen – selbst das Holocaustmahnmal macht es ja.

Natürlich hat die Schaukel genauso wenig mit der Einheit zu tun wie Stelen mit dem Holocaust, und vielleicht kommt beim Hin-und her-Wippen auf dem Rummelplatz der Geschichte die Betonung des Freiheitswillens, der die Einheit erst ermöglichte, ein wenig kleinkalibrig daher. Dennoch: Ein unfertiger Ort der Freiheit mit einer hippen Wippe kann nicht nur ein Denkmal zum Schwingen bringen. Sondern auch die Gedanken. Über eine Stadt, deren Vergangenheit in der Gegenwart eingraviert ist. Und ein Land, dessen Menschen sich die Freiheit genommen haben, das Neue gemeinsam auszuprobieren. Auf dem Rummelplatz des Lebens.

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