Ein Zwischenruf zum NSU-Prozess : Schuld ist der Staat

Die Mutter von Uwe Böhnhardt war in Interviews durchaus selbstkritisch gewesen. Vor Gericht zeigt sie sich anders

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Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.Foto: dpa

Brigitte Böhnhardt, die Mutter von Uwe Böhnhardt, dem mutmaßlichen rechtsradikalen Serienmörder (zehn Morde), Bombenattentäter und Bankräuber, ist zur öffentlichen Person geworden. In den vergangenen Tagen sagte sie zweimal beim NSU-Prozess in München als Zeugin aus.

Das Gericht wollte von ihr erfahren, wie der Sohn aufgewachsen war und wie sie das Verhältnis ihres Sohnes zu den Mittätern einschätzt. Es waren nicht ihre ersten Einlassungen in der Öffentlichkeit. Die hatte sie längst hinter sich. Schon im Dezember 2011, sechs Wochen nach dem Selbstmord ihres Sohnes in Jena, sprach sie ausführlich mit der „Welt“ (26. Dezember 2011) und im April 2012 gab sie dem Norddeutschen Rundfunk in der Sendung „Panorama“ (19. April 2012) ein längeres Interview. Nun, anderthalb Jahre später, am Zeugentisch im Münchner Oberlandesgericht, redet sie mit derselben Bestimmtheit wie zuvor, doch was sie sagt, ist total anders. Kein Wort mehr, dass die Morde des Neonazi-Trios unverzeihlich sind, dass „uns (den Eltern) die ganze Angelegenheit (die Morde) unendlich nahe gegangen ist und leid tut, ja“. Keine selbstkritische Haltung mehr, keine Distanz wie durch den Satz: Wenn wir etwas gewusst hätten, dann hätten wir sie (die Terroristengruppe) wahrscheinlich verraten, „um der Sache ein Ende zu machen“.

Bei ihrer Aussage vor Gericht im November 2013 war ihr nur wichtig, das System anzuklagen. Mit der „verkorksten“ Schule in der Nachwendezeit sei Uwe nicht zurechtgekommen, die belastenden Funde (rechte Propaganda) in ihrer Wohnung und in der Garage der in München angeklagten Beate Zschäpe (Sprengstoff) seien wahrscheinlich vorher von den Polizei deponiert worden und überhaupt hätte ja alles verhindert werden können, wenn die Staatsanwaltschaft den Untergetauchten frühzeitig milde Strafen versprochen hätte.

Was den Sinneswandel ausgelöst hat, darüber lässt sich spekulieren, allerdings ergebnislos. Waren es die Ratschläge von Rechtsberatern? Ertragen die Böhnhardts, als mutmaßliche Täterfamilie, ihr Schicksal leichter, wenn sie alle Verantwortung auf andere schieben? Vielen Außenstehenden wird die Familie nun völlig fremd. Auch weil sie das ihrer Tragödie Zugrundeliegende gar nicht zu erkennen scheint: Den rechtsextremen Vernichtungshass gegen Mitmenschen, der ihren Sohn zum Mörder werden ließ.

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