Ein Zwischenruf zu Griechenland : 1948 war es anders

Athen braucht einen Marshallplan, heißt es nun. Das ist jedoch der falsche Weg, um dem Land zu helfen.

von
Ursula Weidenfeld ist freie Publizistin. Die Ökonomin war Chefredakteurin der Zeitschrift "Impulse" sowie stellvertretende Chefredakteurin und Chefin des Wirtschaftsressorts des Tagesspiegels.
Ursula Weidenfeld ist freie Publizistin. Die Ökonomin war Chefredakteurin der Zeitschrift "Impulse" sowie stellvertretende...Foto: Mike Wolff

Viele, die Griechenland helfen wollen, empfehlen einen Marshallplan für das schwer gebeutelte Land. Dieser Rat ist gut gemeint. Und er ist dennoch falsch.

Sicher, ein vom Ausland gesponsorter Investitionsplan könnte helfen, Griechenland wettbewerbsfähig zu machen. Er würde zum Beispiel die nötigen Mittel für den Ausbau der Infrastruktur bereitstellen. Er sollte dafür sorgen, dass Gründer ihre Firma tatsächlich gründen können.

Könnte, würde, sollte. Wer davon träumt, muss sich die Geschichte des Marshallplans genauer ansehen. 13 Milliarden Dollar flossen nach dem Zweiten Weltkrieg aus den USA nach Europa, davon gut 1,4 Milliarden nach Deutschland. Hier galten 1948 ein paar Bedingungen, die in Griechenland bis heute entweder nicht existieren oder vehement abgelehnt werden: Deutschland war 1948 noch in Zonen geteilt, und von einem selbstbestimmten Einsatz der Mittel konnte am Anfang keine Rede sein. Wo und wie das Geld eingesetzt wurde, war von der Zustimmung der Besatzungsmacht abhängig. Es wurde als Kredit vergeben, die Rückzahlungen wurden für neue Kredite verwendet. Zuerst wurden die Energie-Infrastruktur und die Schwerindustrie wieder aufgebaut, die zurückgezahlten Kredite wurden später für die Mittelstandsförderung vergeben. Dazu kam die Währungsreform 1948. Die alten Schulden und Guthaben wurden teilweise entwertet, ein monetärer Neuanfang war möglich. Außerdem hatte Deutschland trotz des Krieges eine einigermaßen funktionierende Bürokratie. All das gilt für Griechenland nicht.

Noch gewichtiger ist die Erfahrung. Die Mittel der Europäischen Union – für Griechenland sind das jährlich mehr als drei Milliarden Euro – sind so etwas wie ein moderner Marshallplan. Sie sollen helfen, benachteiligte Gebiete an das europäische Niveau heranzuführen. In Griechenland funktionierte das noch weniger als woanders. Warum nicht? Es gibt keine funktionierende Bürokratie, es gibt keine Aufsicht.

Ein neuer Marshallplan für Griechenland wäre hinausgeworfenes Geld. Er wäre erst dann sinnvoll, wenn Griechenland die Bedingungen der Europäischen Union erfüllt, die Souveränität über die eigene Währung zurückbekommt, also eine Währungsreform durchführt, und sich einer straffen Kontrolle unterwirft. Im Moment ist nichts davon realistisch.

Autor

6 Kommentare

Neuester Kommentar