Ein Zwischenruf zur … : Zeitungskrise

Vor zwölf Jahren hat die Autorin die Financial Times Deutschland mitgegründet - weil sie wie viele andere auf dem Zeitungsmarkt dachte, die Deutschen würden ein Volk von Aktionären und wirtschaftlich Interessierten. Doch das ist nicht passiert. Die FTD wird eingestellt.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Wenn eine Zeitung zumachen muss, erscheint das als immer ein bisschen schlimmer, als wenn ein Industriebetrieb schließt. Eine Zeitung wird von Journalisten gemacht, und Journalisten sind Meister des öffentlichen Raums. Sind sie betroffen, traurig oder verstört, vermuten sie gerne eine tiefgreifende Verwerfung, einen dramatischen Wandel der Gewohnheiten mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft. Bei der Financial Times Deutschland war das Gegenteil der Fall: Die Gewohnheiten haben sich nicht schnell genug geändert, als dass sie davon hätte profitieren können.

Die Financial Times Deutschland, ein Wirtschaftsblatt, zu dessen Gründungsredakteuren ich gehörte, erscheint am 7. Dezember zum letzten Mal. Zwölf Jahre lang haben die Kollegen um ihren Markt gekämpft. Sie haben leidenschaftlich Zeitung gemacht. Sie haben versucht zu zeigen, dass Wirtschaft spannend ist, dass sie Aufmerksamkeit verdient, dass man ihr humorvoll begegnen darf. Nur: Den Markt dafür haben sie nicht gefunden.

Das liegt vor allem daran, dass unsere Grundannahme bei der Gründung der Zeitung falsch war: Auch in Deutschland würde das Interesse für Wirtschaftsthemen zunehmen, ein Volk von Aktionären würde heranwachsen. So dachten wir.

Die Börsenkrise der Jahre 2000 und 2001, die Finanz- und dann die Schuldenkrise haben das Gegenteil bewirkt. Die Menschen in diesem Land wollten sich nicht mehr begeistern lassen für einen Bereich der Gesellschaft, der in den vergangenen zwölf Jahren nicht sympathischer geworden ist (um es vorsichtig auszudrücken). Sie haben keine Lust, von beeindruckenden Managern und faszinierenden Unternehmerpersönlichkeiten zu lesen, wenn sie das Gefühl haben, denselben Managern zutiefst misstrauen zu müssen.

Es geht um die Bewältigung der Schuldenkrise, die Zukunft des Industriestandorts Deutschland, die Vorsorge fürs Alter, die Bedingungen, zu denen wir arbeiten. Das sind große Themen, doch sie wecken Ängste, Ärger und Abwehr anstelle von Energie, Interesse und Tatkraft. Gleichzeitig boomen Zeitungen und Magazine, die sich mit Einrichtungsideen oder der neuen Liebe zum Land befassen.

Die Financial Times Deutschland hat nicht gegen die neuen Medien verloren. Sie hat gegen das neue Biedermeier verloren.

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