EM und Ukraine : Westeuropa hat seine Selbstzufriedenheit gezeigt

Diese Europameisterschaft war politisch aufgeladen, die deutsche Empörung fand ihre Plattform in Sonntagsreden und Interviews. Dabei hat sich kaum jemand die Mühe gemacht, an der Basis nachzuforschen. Das hätte vermutlich unbequeme Wahrheiten zu Tage gebracht.

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Das war's: Spanien nimmt den Pokal mit nach Hause.
Das war's: Spanien nimmt den Pokal mit nach Hause.Foto: dapd

Ist Philipp Lahm ein politischer Fußballspieler? Einer, der in größeren Zusammenhängen denkt und der das übergeordnete Ganze höher wertschätzt als den Sieg in einem profanen Spiel? Philipp Lahm hat vor der Europameisterschaft angekündigt, er wolle bei einer möglichen Siegerehrung keineswegs die Hand des ukrainischen Staatspräsidenten Janukowitsch schütteln. Immerhin, diese Gefahr war rechtzeitig gebannt. Nach einem nicht ganz so guten Halbfinale gegen Italien mit einem nicht ganz so guten Kapitän Philipp Lahm.

Es ist in den Wochen vor der am Sonntag in Kiew zu Ende gegangenen Europameisterschaft wenig über Fußball geredet worden und viel über Politik. Auch von Fußballspielern wie Philipp Lahm, hauptsächlich aber vom politischen Personal, von der Bundeskanzlerin bis hinab zu stellvertretenden Ausschussvorsitzenden, deren Namen man zuvor noch nie gehört und seitdem nie wieder gehört hat. Es ging um nicht weniger als die Rettung eines unmündigen, von Oligarchen und Diktatoren drangsalierten Volkes. Und der Erfolg dieser Mission hing daran, wer neben wem nicht auf der Tribüne sitzt und wessen Hand er nicht schüttelt.

Diese Europameisterschaft war politisch so aufgeladen, wie es zuletzt die Olympischen Spiele von Peking waren, und natürlich fehlte auch nicht der Verweis auf die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 im von der rechten Militär-Junta regierten Argentinien. Allein dieser Vergleich zeigt, dass in der politischen Wahrnehmung einiges in Schieflage geraten ist. In Argentinien mordeten und folterten die Militärs in Hörweite der Stadien. Die deutsche Empörung über die Zustände in der Ukraine entzündete sich allein an dem rechtsstaatlich in der Tat höchst fragwürdigen Umgang mit einer allerdings auch höchst fragwürdigen Politikerin, die allein von der deutschen Politik zur Ikone stilisiert wird.

Und hier die sportliche Perspektive: Unsere Elf des Turniers

2006 bis 2012 - Euphorie und Enttäuschung
Lukas Podolski nach dem Aus bei der Heim-WM 2006 gegen Italien.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: dpa
29.06.2012 11:58Lukas Podolski nach dem Aus bei der Heim-WM 2006 gegen Italien.

Die deutsche Empörung fand ihre Plattform in Sonntagsreden und Interviews. Aber ging es überhaupt um die Nöte der gemeinen Bevölkerung, um den Wunsch, demokratische Reformen anzustoßen im nach Russland größten Flächenstaat Europas? Oder spiegelte sich in der Debatte nicht eher die Selbstzufriedenheit des guten, des westlichen Europas?

Kaum jemand hat sich die Mühe gemacht, an der Basis nachzuforschen. Das hätte vermutlich unbequeme Wahrheiten gezeitigt: dass sich in der Ukraine so gut wie niemand für Frau Timoschenko interessiert, dass sie keineswegs einen besseren Ruf genießt als Janukowitsch. Und dass die Menschen hier nach der Welt-Finanzkrise andere Sorgen haben.

Der Triumph im Video:

Die Ukrainer haben sehnsüchtig auf diese Europameisterschaft gewartet, sie haben gebangt und gehofft und gejubelt, als das Gerede vom Boykott endlich verstummt war. Sie wollten dem westlichen Europa zeigen, dass die Ukraine kein russisches Anhängsel ist, sondern als souveräne Nation so selbstverständlich zu Europa gehört wie Italien, Spanien oder Deutschland. Europa ist mehr als die EU, es endet nicht an deren Ost-Grenze. Und natürlich waren die Ukrainer enttäuscht, dass so wenige der sonst so reiselustigen Deutschen sich persönlich davon überzeugen wollten.

Das lag, gewiss, auch an hausgemachten Problemen wie den maßlos überteuerten Hotels. Aber eben auch an einer von der deutschen Politik geschürten Angst-Debatte. Der ukrainischen Elite um Janukowitsch hat all das überhaupt nicht geschadet. Eher schon denen, die das politisch korrekte Deutschland zu schützen vorgaben.

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