Emigration : Ist das noch unser Land?

Raif Badawi erhält den Sacharow-Preis. Das ist gut so. Unser Kolumnist Helmut Schümann fragt sich dennoch, ob dieses Deutschland noch unser Land ist.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Muss man sich nicht auch mal die Frage stellen, ob das noch unser Land ist? Mein Land, in das ich hineingeboren wurde ohne eigenes Zutun. Ich habe kein Verdienst daran, weswegen ich auch niemals stolz sein werde, Deutscher zu sein. Aber ich war immer froh, in diesem Land zu leben, das ich bei allen Ecken und Kanten, die dieses Land immer hatte und hat, für das demokratischste, rechtsstaatlichste und humanste Land der Welt hielt.

Aber nun macht dieses Land, zum Beispiel BASF, Siemens, Bosch, um einmal nur einige Rösser und Reiter zu nennen und nicht immer im Allgemeinen zu bleiben, nun macht dieses Land Geschäfte und Millionen mit Saudi-Arabien, das soeben den Blogger und Menschenrechtler Raif Badawi – ja, es ist wieder Zeit, an ihn zu erinnern, auch weil er soeben den Sacharow-Preis bekommen hat – mit neuen Peitschenhieben bedroht. So viel zur Außenpolitik.

Und nun macht sich innenpolitisch in diesem, meinem Land eine Stimmung breit, aus der heraus pauschal gegen Menschen gehetzt wird, aus der heraus Brände gelegt werden gegen diese Menschen und die Menschen, die sich für die hilfesuchenden Menschen einsetzen, attackiert werden. Ist das noch mein Land? Eine Stimmung, aus der heraus Europa, die Friedensversprechung, mit der ich aufgewachsen bin, in Frage gestellt wird und zerschlagen zu werden droht.

Und dann? Wohin? In die Emigration? Weil die Immigrationsgegner, die Seehofers und AfDlers, die Pegidas und besorgten Bürger, argumentationsresistent sind und von vollen Booten blubbern – in einem, meinem Land, das, um im Bild zu bleiben, voller Jachten ist? Oder in die innere Emigration wechseln? Das hatten wir schon einmal in diesem Land, und so schlimm ist es noch nicht, dass dies eine schweigsame, hilflose und auch damals schon fruchtlose Fluchtoption wäre.

Was tun in diesem, meinem Land, das täglich erschreckt mit schrecklichen Meldungen, seien sie außen- oder innenpolitisch. In dem wir Medien täglich berichten müssen über die Zustände an der Flüchtlingsfront und die Versuche der Seehofers, der AfDler, der Pegidas und der besorgten Bürger, unsere Demokratie und unsere Humanität auszuhebeln?

Auswandern ist der falsche Weg. Anschreien dagegen, nicht müde werden anzuschreien, sich nicht entmutigen lassen von den Mutlosen, denen machbare Hilfeleistung zu unbequem ist. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, schreien die. Dann emigriert doch.