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Essay : Aufstand der Ungeschützten

09.05.2010 20:18 Uhrvon

Unsere Autorin Caroline Fetscher hat kürzlich einen viel diskutierten Essay über Kindesmissbrauch geschrieben. Jetzt aktualisiert und erweitert unsere Autorin für Tagesspiegel.de ihren Beitrag. Dabei nimmt sie Anregungen aus der laufenden Debatte zum Thema auf.

Eliteschüler offenbaren Missbrauch an Reforminternaten, Waisenkinder stürzen einen Bischof: Deutschland befindet sich in einem emotionalen Umbruch, der die politischen Lager sprengt. Kindesmissbrauch, vom Odenwald bis Ettal, ist weder links noch rechts. Sondern sehr alt. Neu ist ein Blick darauf, der Opfern jetzt das Sprechen gestattet.

Milieu 1

An der Odenwaldschule in Hessen haben sie damals gesungen: „Herr Be-he-cker, Herr Be-he-cker findet kleine Jungen le-he-cker! Fidirallala….“ Seit Wochen, Monaten, haben viele ehemalige Schüler das zu Protokoll gegeben. Gemeint mit dem Lied war der Leiter der Schule, Gerold Becker, von 1971 bis 1985 im Amt.

Knaben, die mit dem Mann das Bett teilten, heißt es, durften zur Belohnung in seinem Kleinbus mitfahren oder sie bekamen einen Kassettenrekorder geschenkt. Gemeinsames Duschen mit Kindern war bei einigen Odenwald-Erziehern beliebt, auch abendliche Runden beim Strip-Poker. Wer sich genierte, wie die damalige Odenwaldschülerin Amelie Fried, galt als „spießig“. Wer den Mut aufbrachte, sich beim Schulleiter zu beschweren, der bekam etwas Vages über Plato und die „alten Griechen“ zu hören, bei denen Leib wie Seele zum pädagogischen Eros gehörten.

Von solchem Eros an den renommierten deutschen Landerziehungsheimen, zu denen die Odenwaldschule (genannte „OSO“) gehört, war schon 1929 in dem schwülstigen Roman „Kampf um Odilienberg“ die Rede, der verschwitzte, von Sehnsucht und Eifersucht aufgeladene Beziehungen zwischen Lehrern und Jungen zu romantischen Affekten verklärte. Inspiriert worden war der Autor angeblich durch eben die Odenwaldschule, die im April ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert hat – umlagert weniger von Gratulanten, als von den Kameras, Satellitenschüsseln und Mikrophonen der Medien. In der Hitze der Debatte bat der beschuldigte Schulleiter seine Opfer von einst um Verzeihung. Sein Tenor: Er habe nicht gewußt, was er ihnen zufügte. Zuvor hatte der Lebensgefährte Gerold Beckers, der ebenfalls renommierte Pädagoge Hartmut von Hentig, gemutmaßt, nicht Becker habe die Knaben verführt, allenfalls diese ihn. Das Paar lebt in Berlin, und will dort, am Ku´damm, nicht gestört werden.

Auch der feinsinnige, introvertierte Musiklehrer Wolfgang Held, von 1966 bis 1989 an der OSO und mittlerweile verstorben, verkehrte in der Nacht lieber mit Kindern als mit Erwachsenen. In seine „Familie“ nahm er mit Vorliebe schöne, vaterlose Jungen auf, die er Schritt für Schritt mit seinen Neigungen vertraut und durch Privilegien gehorsam machte. Die legendäre OSO war Alptraum und Freiraum zugleich. Ihr Nimbus zerfällt. Inzwischen sind einige Vorstandsmitglieder des Trägervereins der Schule zurückgetreten, das zähe Gerangel um Wahrheit versus Verdrängung, Wahrheit versus Posten und Positionen hemmt die Aufklärung. Dennoch, sie hat begonnen. 40 Fälle sind inzwischen offiziell bekannt. Am 29. Mai soll ein neuer Vorstand gewählt werden.

Schon im November 1999 veröffentlichte die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „Der Lack ist ab“ konkrete, erschütternde Vorwürfe gegen Gerold Becker. Damals wurde noch quasi unter der Decke verhandelt, niemand, auch nicht das Kultusministerium reagierte. Still uns leise schied Becker aus Gremien aus. Weiterhin schickten reiche Eltern ihre Sprösslinge und die Jugendämter Kinder aus prekären sozialen Verhältnissen an die OSO. Massiv wurde vertuscht, verharmlost. Dass die „alten Geschichten“ nun aufs Neue zum Vorschein kommen, dass sie nachgerade eine Flut an Offenbarungen frühen oder noch akuten Leidens auslösen, auch an anderen Eliteinternaten wie Salem oder Birklehof, verdankt sich dem Aufplatzen einer Wunde in einem ganz anderen Milieu.

Milieu 2

„Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn solcher ist das Himmelreich“ soll Jesus Christus gesagt haben. Am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin hatte man diese Botschaft offenbar missverstanden. Und dort fand der pädagogische Eros andere Ausdrucksformen. Weit davon entfernt, Sexualität anhand antiker oder reformpädagogischer Quellen zu überhöhen, verhörten Patres die Gymnasiasten dort in privater Inquisition zu deren Selbstbefriedigung und sexuellen Fantasien, zogen Kindern die Kleider aus – und befriedigten sich an diesen Taten. So jedenfalls berichten Betroffene. Ende Januar 2010 warf ein wacher Pater an diesem Kolleg den ersten Schneeball, mit dem die Lawine ans Rollen geriet. Pater Mertes, alarmiert von Berichten ehemaliger Schüler, schrieb 600 von ihnen an. Er forderte ehemalige Opfer krimineller Handlungen auf, sich zu melden. Mit dem Fall Canisius war ein Schweigekartell gebrochen, nachdem am 28. Januar 2010 ein Brief des heutigen Schulleiters an ehemalige Schüler öffentlich wurde.

An anderen katholischen Stätten wie etwa dem renommierten bayerischen Kloster Ettal verschafften sich Präfekten durch enthemmte Körperstrafen an Kindern sadistische Machtlust. Ein Klosterbruder entschuldigte sich vor laufenden Kameras, er müsse zu seiner „Schande gestehen“, dass auch er auf Kinder „brutal“ eingeschlagen habe. Aufgewacht sind auch ehemalige Regensburger Domspatzen, die von Leistungsterror und physischer Gewalt berichten, von einem jungen Schüler, der eingesperrt in die Violinzelle die Wände mit Kot beschmierte, von Grausamkeiten vieler Art.

Gegen Augsburgs Bischof Mixa, einst Pfarrer in der Gemeinde Schrobenhausen, legte die Süddeutsche Zeitung am 31. März eidesstattliche Erklärungen ehemaliger Heimkinder vor, nach denen der Herr Pfarrer sie damals mit Fausthieben und Schlägen auf das Gesäß traktiert hatte. Am 4. April gibt Mixa zu Protokoll, nie habe er ein Kind angerührt, er besitze „ein reines Herz“. Zwölf Tage später räumte Mixa die ein oder andre „Watsch´n“ ein. Als noch herauskam, dass der Bischof Gelder der Waisenhausstiftung für private Zwecke veruntreut haben soll, läuft das Fass über. Auf Druck seiner Glaubensbrüder bittet der Bischof den Papst am 22. April um seinen Rücktritt, jetzt am 8. Mai, nachdem auch noch Vorwürfe zu sexuellem Missbrauch im Raum stehen, nahm Papst Benedikt XVI .das Gesuch an. Der Bischof war nicht mehr zu halten. Anders als jedoch die Frankfurter Allgemeine am Sonntag behauptet, war es nicht Bischof Marx, der diesen in der Bundesrepublik beispiellosen Schritt veranlasst hat. Nein: Waisenkinder haben einen Bischof gestürzt. Ein Vorgang, den sich der hierarchisch und patriarchal organisierte Klerus nicht hätte träumen lassen, und der so unfasslich scheint, dass man mancherorts lieber noch einen einflussreichen Kleriker zum Auslöser erklärt.

Ein emotionaler Umbruch

Was passiert bei uns im Land, in diesen Wochen und Monaten, in denen bisher noch kein Vulkanausbruch, kein Griechenlandbankrott das Thema wieder auslöscht? Es kann sein, dass der 28. Januar, der Tag von Pater Mertes Brief, zum historischen Datum für die emotionale Geschichte der Bundesrepublik wird. Von dem Tag an geriet das gesamte Land in Aufruhr, eine gigantische Schleuse hatte sich geöffnet. Der lange unterdrückte Aufstand der Ungeschützten setzte ein. Aus allen Winkeln der Republik quellen Meldungen zu Fällen von Missbrauch und Misshandlungen an Internaten, auf Tagesschulen, in sozialen Einrichtungen wie einer Diakoniestation für autistische Kinder. Von abwehrend bürokratischer Terminologie bis zu emotional überschießendem Vokabular ist alles zu hören. Doch diese Debatte könnte ein Glücksfall werden für die Gesellschaft. Sie könnte den gordischen Knoten der Ideologien zerschneiden und eine Umwälzung auslösen, die tiefgreifender wirkt, als manche Szene-Ideologie oder fromme Lehreinheit „Sexualkunde“ im Curriculum sich das bisher dachte – und eventuell wünschte. Sieht es zur Zeit so aus, als sei 2010 „das Jahr des Missbrauchs“, verhält sich die Sache eher umgekehrt. 2010 ist das Jahr der beginnenden Aufklärung einer Jahrhunderte lang verdrängten Tatsache.

Und das Thema brennt. Längst hat es weiterreichende Projekte, auch in der Kulturszene, initiiert. Um Drehbuchförderung zu beantragen sei es bereits zu spät bei diesem Thema, sagt Anfang Mai eine Berliner Dokumentarfilmerin. Dutzende solcher Anträge seien da und durch. Verlage nehmen ehemalige Opfer unter Vertrag, auch Täterbiographien entstehen. Kongresse von Experten werden geplant. Herbst und Winter werden daher noch neue Erschütterungen und Enthüllungen bringen, das wissen wir schon heute.

Einstweilen erklären die Täter, soweit sie sich äußern, es tue ihnen leid. Sie schämten sich, sie hätten nicht ahnen können, wie „sowas“ wirkt auf Kinder, sie hätten von Kinderpsychologie keinen Schimmer gehabt. Daniel Cohn-Bendit beschied der „Zeit“, sein Bericht von 1975, wonach ihm als Betreuer im Kinderladen die Kleinen in den Hosenlatz fassen durften, sei nur eine „Provokation“ gewesen, „schlechte Literatur“. Ob er sich das selber glaubt? Im Umfeld beider Milieus geben Pädagogen zu Protokoll, sie hätten von den Tätern nichts gewusst, nie etwas bemerkt. Oder, wie ein Kleriker sagte: „Es wurde nicht gesprochen über solche Dinge.“

Jetzt wird gesprochen. „Öffentlichkeit hilft gegen ungewollte Intimität“, kommentierte ein erleichtertes Opfer des Odenwalddirektors das Geschehen. Zunächst war es eine hektische Öffentlichkeit, eine nahezu panisch aufgescheuchte. Gläubige und Nichtgläubige, progressive und konservative Erwachsene warfen einander Beschuldigungen und Spekulationen über Ursachen an die Köpfe, in Talkshows kam es zu Brüllduellen und Drohungen. Inzwischen werden die Töne gedämpfter, während der Handlungsdruck wächst.

Am 23. April tagte ein staatlich organisierter Runder Tisch zum Thema Kindesmissbrauch, drei Ministerinnen und 60 Vertreter von Bund, Ländern, Kirchen und Verbänden aus der Opferberatung waren dabei. Missbrauch von Kindern sei „immer ein abscheuliches Verbrechen“, erklärte die frisch verheiratete, kinderlose Familienministerin Kristina Schröder. „Angesichts der schrecklichen Ereignisse müssen wir dringend handeln. Kindesmissbrauch gibt es in unterschiedlichen Bereichen - etwa in Internaten, in Sportvereinen aber auch in der Familie.“ Man werde, versprach sie, „gemeinsame Strategien entwickeln“, um weitere Taten an Kindern zu verhindern.

Was sind „Kinder“?

Um wen geht es? Groß ist die betroffene Bevölkerungsgruppe, klein die physische Statur ihrer Mitglieder. Sie sind körperlich unreif und schwach, sie bilden keine Lobby, haben keine Sprecher, sie gehen nicht wählen, dienen nicht in der Armee, leisten keine Erwerbsarbeit und zahlen keine Steuern. Trotzdem beanspruchen sie Zeit, Ausgaben und Mühe: Kinder.

Kinder, als Sub-Kategorie des Menschen erfunden im Europa des 18. Jahrhunderts, sind für Regierungen in aller Welt im Prinzip uninteressant, für Angehörige und Betreuer oft lästig. Mit Kindern als politischen Subjekten, als Rechtsträgern hat sich bisher keine Epoche der Menschheit jemals jenseits erwachsener Eigeninteressen („die zahlen später unsere Rente“) auseinandergesetzt. Gewalt gegen Kinder war historisch immer die Regel, nie die Ausnahme. Der Raum der Straffreiheit war und ist hier von unübersehbarer Weite. Die Geschichte der Kindheit kennt kaum eine Foltermethode, kaum eine Perfidie, die nicht an Kindern begangen wurde, vom Verstümmeln der Genitalien und Füße von Mädchen bis hin zur modernsten Hightech-Variante, der Produktion und Ausstellung von brutaler Kinderpornografie, sogar mit Säuglingen, für das Internet.

Das Kind als Sündenbock

Am Kind lässt sich am leichtesten abreagieren, was die Welt aus Frustrationen, Hierarchien und Demütigungen Erwachsenen zumutet, und Begriffe wie „Prügelknabe“ oder „Lustknabe“ zeugen von dieser Sündenbock- und Ventilfunktion der Kinder. Als Teil seines Hausstandes gehörten Frau, Gesinde, Vieh und Kind über Jahrhunderte zum dinglichen Besitz des Patriarchen. Und während sich der Patriarch an allen schadlos halten konnte, blieb der Frau nur der Nachwuchs. Mütter, Frauen als Täterinnen waren und sind ebenso die Regel – und noch mehr Tabu. Im Zentrum erwachsenen Interesses stand im Lauf der Geschichte nur selten, etwa bei einer Elitefamilie wie den Humboldts, die glückliche Entfaltung des Kindes.

Erasmus von Rotterdam wunderte sich 1550, dass Leute „die größte Sorgfalt auf den Ackerbau und Häuserbau, auf die Pflege ihrer Pferde verwenden, und dafür auch den Rat kluger und durch Erfahrung einsichtiger Männer einholen – sich aber um die Erziehung ihrer Kinder, um derentwillen man doch alles Übrige erwirbt, so wenig kümmern, dass sie weder mit sich selbst darüber zu Rate gehen noch die Meinung verständiger Männer nachsuchen“. Seine Diagnose trifft teils bis heute und auf die gesamte Gesellschaft zu. In Kinderschutz, in die Erforschung der psychischen Entwicklung von Kindern oder das Verstehen und Therapieren von Traumata investieren wir einen Bruchteil dessen, was etwa allein das Budget der Europäischen Raumfahrtorganisation für 2010 mit seinen 3 744 Millionen Euro ausmacht.

Nur sukzessive haben Gesellschaften traditionelle Gewaltverhältnisse infrage gestellt. 1866 gründete sich die erste Gesellschaft gegen Tierquälerei in New York, um die Jahrhundertwende vertraten solche Gruppen in England und Amerika gelegentlich auch die Interessen misshandelter Kinder, ehe sich eigene Kinderschutzvereine gründeten. Den in Deutschland entstandenen löste das NS-Regime 1940 auf, 1953 übernahm der Deutsche Kinderschutzbund seine Nachfolge. Bis in die siebziger Jahre hinein war bei uns in Deutschland an Schulen die Prügelstrafe legal – Bayern schaffte sie als letztens Bundesland ab. In Elternhäusern war Prügeln bis Dezember 2000 erlaubt. Seither gehört Deutschland (durch Paragraph 1631 Abs. 2 BGB) zu den weltweit 25 von 193 Staaten, deren Gesetzgeber Kinder vor jeder Gewalt in Schutz nehmen.

Doch das Gesetz ist auch hier noch oft Papier, unter anderem, weil Behörden, Ämter und Justiz sich schwer tun, die Paragrafen tatsächlich anzuwenden. So scheut man sich häufig, etwa gegen „traditionelle Gewalt“ in Migrantenfamilien durchzugreifen – das Decken von Straftätern geht weiter. Doch gewalttätige Parallelstrukturen ignoriert nur, wer sich vom Prinzip Gewalt insgeheim noch nicht verabschiedet hat.

Auch heute ist der Haupttatort nach wie vor weder im Odenwald noch in Ettal zu suchen, sondern in den Millionen Familien aller Milieus. 2008 wurde in Deutschland 16 000 mal Kindesmissbrauch angezeigt – ein Bruchteil der Taten. Groteskerweise sprechen Jugendämter gern von „hilflosen Eltern“ und Kindern, „denen man Grenzen setzen muss“ – als müsse man nicht den Tätern ihre Grenzen aufweisen, als seien nicht deren Opfer die Hilflosen. In Industrieländern wie Deutschland erleben laut der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ (Volume 373, Issue 9657, 3. Januar 2009) in ihrer Kindheit fünf bis zehn Prozent aller Mädchen sowie rund fünf Prozent der Jungen penetrierenden sexuellen Missbrauch, andere Formen sexuellen Missbrauchs betreffen sogar bis zu 30 Prozent aller Kinder. Fast fünfzig Prozent der Kinder mit migrantischem Hintergrund in Deutschland gaben bei Umfragen an, im Elternhaus physische Gewalt zu erfahren.

Immer noch gilt „Familie“, ob bewusst oder unbewusst, in unserer Gesellschaft als ein partiell rechtsfreier oder eigengesetzlicher Raum. Solches „Familienfeeling“ machen sich auch die Täter in Institutionen wie Heimen und Internaten zunutze, in denen Missbrauch endemisch gedeihen konnte. „Familien“ nennen sich die Wohngruppen an der Odenwaldschule, als eine „große, geistliche Familie“ bezeichnen sich die Kirchen gern – und verraten damit auch ihre unbewusste Verstrickung in genau die Institution, in der achtzig bis neunzig Prozent allen Missbrauchs und aller Gewalt gegen Kinder geschieht, die Familie, die engste, am wenigsten öffentlich kontrollierte Umgebung von Kindern.

Erwiesen ist auch, dass Opfer aus Familien am ehesten Opfer von Übergriffen in Institutionen werden. Viele der elterlichen „Spiele“ scheinen harmlos, etwa die Mutter, Arztfrau, die in einem der Autorin bekannten Fall ihrem Achtjährigen beim Baden das Glied rieb und dazu erklärte, „dein Schwänzchen gehört ganz allein der Mama“. Oder der keuchende Vater, der seiner Zwölfjährigen unter das Sommerkleid greift und danach flüstert: „Das ist jetzt unser großes Geheimnis.“ In allen Fällen stehen die Kinder unter dem Druck einer mafiösen, stillen Verabredung. Sie stehen Todesängste aus bei der Vorstellung, ausgerechnet die Erwachsenen zu verraten, von denen sie seelisch und materiell am stärksten abhängig sind.

Ob die gegenwärtige Debatte tatsächlich umwälzende Folgen für die soziale Textur der Gesellschaft hat, wird zentral davon abhängen, ob sie diese eine große Hürde nimmt, und das Thema Gewalt und Missbrauch in Familien, nicht allein Institutionen, anerkennen lernt.
Alice Miller, die am 14. April 2010 starb, hat sich als Kindheitsforscherin und Therapeutin ein Berufsleben lang für den Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch eingesetzt. „So gut wie alle Kinder unseres Planeten werden in ihren ersten Lebensjahren geschlagen“, schrieb Miller. „Von Anfang an lernen sie Gewalt, und diese Lektion ist in ihrem Gehirn gespeichert. Kein Kind wird gewalttätig geboren. Gewalt ist nicht genetisch bedingt. Sie existiert, weil geschlagene Kinder in ihrem Erwachsenenleben von der Lektion Gebrauch machen, die im Gehirn gespeichert ist.“

Da Kinder, die misshandelt werden und sich nicht verteidigen können oder dürfen, müssen sie, so Miller „ihren Ärger verdrängen und ihre Wut auf die Eltern, die sie gedemütigt, ihre angeborene Empathie getötet und ihre Würde beleidigt haben.“ Sobald sie selber groß sind, richten sie diese Wut gegen Sündenböcke, vor allem die eigenen Kinder. Miller sah in dieser Gewalt auch die Ursache für Kriege, Terrorismus und Kriminalität. So monokausal ihr Ansatz sich anhört – er ist nicht weit entfernt von Michael Hanekes Aussagen zu seinem vielfach preisgekrönten Film „Das weiße Band“. Mit seiner Milieustudie zu einem deutschen Dorf um 1914 sei es ihm darum gegangen, sagte der Gewinner des Deutschen Filmpreises am 23. April – dem Tag, an dem der Runde Tisch konferierte – „die Wurzeln des Terrorismus“ zu schildern. „Das weiße Band“ beschreibt die erbarmungslose Atmosphäre der Kindheit künftiger Täter des NS-Regimes.

Erwachsene als Täter zu erkennen, bedeutet für die kindliche Psyche die reale Gefahr, Nähe, Obdach und Nahrung zu verlieren. Daher, das ist die fatale Konsequenz, von der die Täter zehren, nehmen die Opfer lieber die Schuld auf sich – oder richtet sie gegen andere Sündenböcke, „die Juden“, „die Amerikaner“, „die Arbeitslosen“ und so fort. Vom Wunsch nach einer elterlichen Instanz, die niemals verloren gehen kann, spricht unsere Sehnsucht nach einem Vater im Himmel, der es gut meint mit seinen Kindern. Werden dessen irdische Stellvertreter zu Tätern, bricht die letzte Illusion des Schutzes ein. Das, und kein statistischer Unterschied, löst die besondere Empörung angesichts von Klerikern aus, die sich kriminell an Kindern vergehen.

Was wir als Kinder erlebt haben, fällt großenteils der sogenannten Kindheitsamnesie anheim. Es wird „vergessen“ – auch darum, weil Kindheit bisher in der Geschichte der Menschheit zu unerträglich gewesen ist. Auch die Kindheitsamnesie macht es Erwachsenen so schwer, Kindern mit Empathie zu begegnen. Dazu gesellt sich oft der Lustneid, der schiere Genussneid angesichts unverbogener, lebensfreudiger Menschenkinder. Dieses kleine Ding genießt etwas, was ich nie kannte! empfinden Mutter, Vater, Mönch, Nonne, Erzieher, Kindergärtnerin. Davon darf ich auch was haben! meint der linke Missbraucher. Das muss ich bekämpfen! findet der autoritär-traditionelle Misshandler.

Beide Positionen sind Produkte einer historischen Fehlentwicklung, die unsere Gesellschaft jetzt offenbar klarer zu sehen beginnt. Erste Konsequenz daraus wäre, jedes Kind, auch das kleinste, an allen Kitas und Schulen das selbsterhaltende „Nein!“ zu lehren.

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