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Essay : Der Gelduntergang

11.03.2012 00:00 Uhrvon
Jens Weidmann, Präsident der BundesbankBild vergrößern
Jens Weidmann, Präsident der Bundesbank - Foto: dapd

Es geht um immer noch größere Konjunkturprogramme und um immer noch mehr Kredite. Widerspruch ist unerwünscht. Unter amerikanischer Führung kämpft die Welt mit eben jenen Methoden gegen die Krise, die sie verursacht haben.

Jens Weidmann ist niemand, dem ein Filmregisseur die Rolle des Aufrührers geben würde. Der Präsident der Deutschen Bundesbank hat ein schmales, blasses Gesicht, das rotblonde Haar ist korrekt gescheitelt, auf der Nase sitzt eine schwarze Hornbrille. Wäre er Schauspieler geworden, würde ihn seine Agentur wohl hauptsächlich in den Kategorien „Schwiegersohn“ oder „leitender Angestellter“ vermitteln. Seit dem Herbst des Jahres 2011 jedoch steht der unscheinbare Wirtschaftsfachmann nahezu allein einer der machtvollsten Allianzen gegenüber, die es in der Geschichte der internationalen Finanzpolitik je gegeben hat. Ihr Oberbefehlshaber ist der mächtigste Mann der Erde, der amerikanische Präsident Barack Obama, sekundiert von seinem Finanzminister Timothy Geithner.

Als seine Generäle kann er die Chefs der internationalen Finanzinstitute ins Feld führen, von der Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde bis zu Weltbankpräsident Robert Zoellick. Zu seinen Verbündeten zählen die Regierungschefs fast aller europäischen Staaten, die Finanzindustrie der Wall Street und die Creme der angelsächsischen Ökonomenszene.

Weidmanns Guerilla-Armee dagegen besteht aus nicht mehr als ein paar Notenbankern nordeuropäischer Länder, Vertretern der Bundesregierung sowie einigen Anhängern in der heimischen Bankenbranche. Es ist eine bescheidene Truppe, deren Moral schon deshalb nicht die beste ist, weil sie bereits beträchtliche Verluste zu beklagen hat. Weidmanns Amtsvorgänger, der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber, hatte nach einjährigem Abnutzungskrieg seinen Dienst quittiert, das deutsche Zentralbankratsmitglied Jürgen Stark ging bald darauf ebenfalls von der Fahne.

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"Die Finanzkrise war vorhersehbar"Video abspielen
Wirtschaft  27.10.2008  Min"Die Finanzkrise war vorhersehbar"

Nicht mit Bomben oder Gewehren wird dieser Konflikt geführt, sondern mit Positionspapieren, Interviews und Konferenzbeiträgen. Keine Toten sind in diesem Ringen zu beklagen, dafür werden Überraschungsangriffe befohlen und Bündnisse geschlossen, Positionen gewechselt, und es wird mit dem Einsatz immer schwererer Waffen gedroht, nach der erprobten Logik militärischer Abschreckung. War anfangs noch von der „großen Bazooka“, der legendären Panzerfaust der US-Armee im Zweiten Weltkrieg, die Rede, so ist es heute die „dicke Bertha“, der im Ersten Weltkrieg populäre schwere Granatwerfer aus dem Hause Krupp, die zum Einsatz kommen soll. Oder, noch besser: gleich der Abwurf der „Nuklearwaffe“.

Es geht nicht darum, Territorien oder Rohstoffe zu erobern. In diesem Konflikt geht es um die Hoheit über Europas Währungspolitik. Beendet ist der Streit auch mit dem Schuldenschnitt für Griechenland in der vergangenen Woche nicht. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung über die Rolle und Verantwortung der Notenbank wird an Bedeutung zunehmen, je klarer die langfristigen Folgen der Rettungsaktionen werden.

Die Europäische Zentralbank müsse endlich in noch größerem Stil Staatsanleihen verschuldeter Euro-Länder ankaufen, verlangen Weidmanns Gegner. Sie sind begeistert von der Aktion des EZB-Notenbankpräsidenten Mario Draghi, der den Geschäftsbanken in den vergangenen Monaten mehr als eine Billion Euro zum Nahe-Nulltarif in die Tresore geschoben hat. Sie sind überzeugt: Nur so könne verhindert werden, dass der Geldverkehr zwischen den Banken zusammenbreche. Nur so würden Länder wie Italien, Spanien oder Portugal erträgliche Zinsen bekommen. Nur so könne der Euro gerettet werden.

Weidmann hält dagegen. Ein unbegrenzter Ankauf von Staatsanleihen verstößt nicht nur gegen die europäischen Verträge, so argumentiert er, er würde auch nicht die erhoffte Wirkung haben. Es werde nur neues Geld geschaffen, aber kein einziger Staatshaushalt saniert. Am Ende stünde nur eins: Inflation. Weidmann ist sicher, für die richtige Sache zu kämpfen. Sogar einen Brandbrief schrieb er deshalb im Februar an Draghi. Aber auch die Briefaktion hat ihm gezeigt: Recht haben und recht bekommen sind zweierlei.

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