Müsste nicht nach der Logik des Urteils auch die Taufe verboten werden?

Seite 2 von 3
Essay : Die Nicht-Religiösen werden aggressiver
von

Gegen diese Lesart, die im Kölner Urteil die übergriffige Bevormundung des Staates sehen will, betonen die Befürworter, dass es gar nicht um die Art des Eingriffes geht, sondern um das unverzichtbare Moment der informierten und freien Zustimmung, die allein einen solchen Akt rechtfertigen kann. Auch ein an sich sinnvoller, notwendiger und dringender medizinischer Eingriff bleibt ohne Zustimmung ein Akt der Körperverletzung.

Eine Handlung, von der andere Menschen betroffen sind, ist immer nur dann moralisch und rechtlich legitim, wenn die Betroffenen mit guten Gründen zustimmen können. Wo Menschen ohne faktische Zustimmung der Betroffenen entscheiden müssen – wenn etwa Eltern stellvertretend für ihre Kinder handeln –, dürfen wenigstens keine Entscheidungen getroffen werden, die unumkehrbar in die natürliche Ausstattung eingreifen.

Dies ist übrigens auch ein wichtiges und richtiges Argument gegen eine sogenannte liberale Eugenik, die es Eltern erlauben würde, in die genetische Ausstattung ihrer Kinder einzugreifen.

Aber wo liegen die Grenzen dieses Prinzips? Soll als Nächstes die Taufe von Kindern verboten werden? Denn wenn das eigentliche Argument lautet, dass vor allem jene Eingriffe begründungspflichtig sind, die unumkehrbar sind und bleibende Spuren hinterlassen, dann lässt sich fragen, welche Entscheidung, die den Lebenslauf und die Identität eines Menschen maßgeblich bestimmen, von anderen Menschen, von Eltern, Erziehern und Lehrern überhaupt noch getroffen werden darf.

Sind körperliche Eingriffe wirklich immer tiefgreifender und bleibender als seelische? Würde die Wahl der Augenfarbe eines Kindes tatsächlich einen tieferen Eingriff in seine Identität darstellen als die Entscheidung, in welchem Land das Kind aufwächst, welche Sprache zu Hause gesprochen wird, ob das Kind lernt, sich gesund zu ernähren, ob es in einem Haushalt aufwächst, in dem man noch weiß, was ein Buch ist, und so fort.

Der Staat hält sich hier mit guten Gründen zurück und erlaubt eine große Bandbreite von Weltanschauungen und Lebensstilen. Diese kluge Zurückhaltung kann aber einen Grundkonflikt nicht verhindern, der für Gesellschaften unvermeidbar ist, deren zentralen Wert die Freiheit darstellt. Die Freiheit des Einzelnen, die in der Tat das alles entscheidende und unverzichtbare Prinzip moralischer Bewertung ist, stellt eine Medaille mit zwei Seiten dar. Auf der einen Seite steht Autonomie, das Prinzip der Selbstgesetzgebung, das unbedingte Achtung erfordert.

Menschen sind freie Subjekte, niemand darf zum Objekt von Fremdbestimmung gemacht werden. Dieses Recht kommt jedem Individuum in gleichem Maße zu. Es ist die Verpflichtung staatlicher Gewalt, dieses Recht vor Übergriffen und Missachtung zu schützen.

Auf der anderen Seite der Freiheitsmedaille steht Authentizität, das Streben danach, ein Leben zu führen, das Bedeutung und tiefen Gehalt besitzt, das das Individuum aus der Masse heraushebt und kein Leben von der Stange ist. Nach wie vor gehört für viele Menschen in diesem Land die Zugehörigkeit zu religiösen Traditionen und Gemeinschaften zu jenen Quellen, aus denen sich ein solches bedeutungsvolles Leben speist, dessen Inhalt sich nicht in Geldverdienen und -ausgeben erschöpft.

Der Konflikt zwischen säkularem Recht und Religion, zwischen den Ansprüchen eines freiheitlichen Staates und religiösen Traditionen besteht deshalb nicht nur in der Frage, wem man mehr gehorchen soll, der religiösen oder der weltlichen Autorität, Gott oder dem Kaiser. Dieser Konflikt hat auch eine horizontale Dimension. Hier kollidieren die zwei Aspekte der innerweltlichen Freiheit, das Prinzip der Autonomie und das Recht auf Authentizität. Wie schon in Sophokles’ „Antigone“ ist dieser Streit zwischen Glauben und Staatsräson ein Grundkonflikt, der nicht durch Verträge und Anordnungen aus der Welt zu schaffen ist, sondern stets auf der Kippe steht, in eine Tragödie zu münden.

Diese Spannung zwischen Autonomie und Authentizität im Herzen des modernen Freiheitsbegriffs hat der Frankfurter Philosoph Christoph Menke in seiner Studie zur „Tragödie im Sittlichen“, die an die gleichnamige Vorstellung aus Hegels politischer Philosophie anschließt, herausgearbeitet.

In der gegenwärtigen Debatte besteht überhaupt kein Sinn für diese Dimension des Konflikts. Grund genug also für alle, denen an einem kooperativen und fairen Miteinander religiöser und säkularer Bürger liegt, nervös zu werden. Wer in einer Gesellschaft leben möchte, in der die säkularen Prinzipien des Rechtsstaates genauso eindeutigen Respekt genießen wie religiöse Praktiken und Traditionen und diese als wertvoller Beitrag zum gesellschaftlichen Leben geschätzt werden, den kann der Streit nicht kaltlassen.

314 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben