Europa : Die Mär vom Euro-Gewinner Deutschland

Deutschland ist der größte Euro-Gewinner. Das werden Europa-Befürworter nicht müde zu betonen. Aber stimmt das wirklich? Abrechnung mit einem Mythos.

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Auch dieser Euro-Schriftzug an den Türen der Akademie der Künste in Berlin gehört zu einem Projekt zum Thema Wahlkampfslogans der Kuenstlergruppe Bureau Mario Lombardi im Rahmen der Berlin Biennale.
Auch dieser Euro-Schriftzug an den Türen der Akademie der Künste in Berlin gehört zu einem Projekt zum Thema Wahlkampfslogans der...Foto: Reuters

Deutschland ist der größte Nutznießer des Euro, deshalb sollte es sich mit den Euro-Krisenländern solidarisch zeigen. Wenn die Euro-Zone dann wieder zu Kräften gekommen ist, wird Deutschland auch wieder ihr größter Nutznießer sein. Das ist weithin die Meinung über Deutschlands Stellung in der Euro-Zone, das nahezu einstimmige Credo der deutschen, allzu uniformen Parteienlandschaft, und es wird von einer Schar willfähriger Meinungsführer der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren ins Ohr getrommelt. Wenn solch verführerische Einfachheit bloß wahr wäre! Doch die Fakten liegen anders.

Deutschland sei ein Euro-Gewinner, heißt es, vor allem mit Verweis auf die deutschen Exportüberschüsse. Der Euro habe für Stabilität gesorgt, die Risiken von Kursschwankungen eliminiert, eine geringere Wertsteigerung verzeichnet, als es die Deutsche Mark getan hätte – und so insgesamt den deutschen Export gestützt. Aber hat Deutschland mehr vom Euro profitiert als andere Länder?

Richtig ist, dass die deutschen Exporte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zwischen 1998 und 2011 um 117 Prozent zugenommen haben. Wäre der Euro aber tatsächlich so bedeutend für den deutschen Außenhandel, dann hätte der Zuwachs an Exporten in Länder der Euro-Zone höher ausfallen müssen als der in andere Länder. Doch das Gegenteil trifft zu.

Nach meinen Berechnungen auf Basis des Statistischen Bundesamtes stieg der deutsche Handel mit dem Rest der Welt am stärksten – nämlich um 154 Prozent; um 116 Prozent stieg die Ausfuhr in EU-Länder außerhalb der Euro-Zone und am geringsten, um 89 Prozent, erhöhte sich das Handelsvolumen mit den anderen Euro-Ländern. 1998 hatten Exporte innerhalb der Euro-Zone noch einen Anteil von 45 Prozent am deutschen Außenhandel, 2011 war der Anteil auf 39 Prozent gesunken. Diese Trends setzen sich fort. Die Euro-Zone bleibt bedeutsam für den deutschen Außenhandel, der Wachstumsmotor allerdings ist sie nicht.

"Scheitert der Euro, dann scheitert Europa". Dieses berühmte Zitat Angela Merkels ist Anfang Juli an den Türen der Akademie der Künste in Berlin zu lesen. Der Schriftzug ist Teil eines Projekts zum Thema Wahlkampfslogans der Kuenstlergruppe Bureau Mario Lombardi im Rahmen der Berlin Biennale.
"Scheitert der Euro, dann scheitert Europa". Dieses berühmte Zitat Angela Merkels ist Anfang Juli an den Türen der Akademie der...Foto: dapd

Man könnte einwenden, dass der Euro eben in viel entscheidenderem Maße die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Außenhandels mit Ländern außerhalb der Euro-Zone förderte als den Handel innerhalb der Euro-Zone. Allerdings notierte der Euro im Vergleich zum US-Dollar fast ein ganzes Jahr bis etwa 2011 sehr stark – und die amerikanische Währung ist international die wichtigste. Zudem ist alles andere als erwiesen, dass die Deutsche Mark im Vergleich zu anderen Währungen wesentlich stärker gewesen wäre als der Euro, jedenfalls bis in die jüngste Zeit.

Darüber hinaus sind Nachfrageschwankungen nach deutschen Gütern nicht einfach nur vom Preis abhängig. Der deutsche Außenhandel wuchs am meisten in denjenigen Branchen, die zu den besonderen Stärken der deutschen Wirtschaft gehören. Auch Schweden konnte ein Außenhandelswachstum verzeichnen, das, gemessen am schwedischen BIP, das deutsche Exportwachstum deutlich übersteigt – Schweden allerdings ist nicht Teil der Euro-Zone und konnte damit auch nicht von der Währungsstabilität und der angeblichen Niedrigpreisausfuhr in andere Märkte profitieren.

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