Europa und der Arabische Frühling : Das doppelte Gesicht des Westens
04.10.2012 16:30 UhrVergangenes Jahr sagten wir Europäer, fast ein wenig neidisch: „In der arabischen Welt geht die Hoffnung endlich auf die Straße – und was passiert bei uns?“ Aber nun, ein Jahr später, fragen wir: Was ist aus dieser Hoffnung geworden? Wo Diktaturen waren, entstehen jetzt tendenziell Theokratien.
Aber ist das wirklich ein Rückschritt? Der britische Essayist Robin Black, früher Chefredakteur der „New Left Review“, vertritt seit einiger Zeit zwei Thesen: Die erste betrifft die erste demokratische Revolution in Europa, die Englische Revolution Oliver Cromwells und seiner Puritaner. Im Namen des christlichen Fundamentalismus hatte zum ersten Mal in der Geschichte eine Volksbewegung den Mut, einem König, Karl I.
, 1649 den Kopf abzuschlagen. Und mehr noch: Die amerikanische Demokratie haben die Pilgerväter gegründet, auch sie puritanische Fundamentalisten, die vor religiöser Verfolgung geflohen waren.
Es ist also mindestens unvollständig, dieses laizistische Bild der Demokratie, das der Westen entwickelt hat: Es passt vielleicht zur französischen Version von 1789 – obwohl selbst in Paris die Revolutionäre glaubten, das Ancien régime nicht ohne die Hilfe einer neuen Religion niederringen zu können – die der „Göttin Vernunft“. Wenn aber selbst in Europa demokratische Revolutionen als fundamental-religiöse Aufstände begonnen haben, dann allerdings gibt es zwischen Kapitalismus und religiösem Fundamentalismus eine noch vieldeutigere Bindung als die, die Max Weber so ausführlich untersucht hat („Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“). Vieldeutig, weil zwar einerseits calvinistische Ethik aus jeder Pore des modernen Kapitalismus dringt, andererseits aber die Verwandlung jedes Lebensaspekts in Ware etwas brisant Entheiligendes hat.
Das macht den Westen im Angesicht des Fundamentalismus so doppelgesichtig. Selbst im Fall des überlaizistischen Frankreichs sprechen Kolonialhistoriker vom „französischen Paradox“: Die Franzosen verteidigen mit Feuer und Schwert den Laizismus ihres Staats, in ihren Kolonien aber begünstigten sie immer Religiosität und bevorzugten hohe Geistliche. Auf gleicher Wellenlänge, behauptet Amartya Sen, erwies sich der britische Multikulturalismus in Wahrheit als „Multifundamentalismus“, denn er privilegierte religiöse Führer der Minderheiten als Ansprechpartner.








