Evangelischer Kirchentag in Stuttgart : Lust und Liebe mit der Bibel

Erstmals wird es in Stuttgart auf einem Kirchentag ein Zentrum "Gender" und ein Zentrum "Regenbogen" geben. Aber die Veranstaltung wird zugleich die Grenzen zwischen Liberalen und Pietisten offenbaren. Ein Kommentar.

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Eine Bühne ist für den Kirchentag, der heute Abend beginnt, mitten auf dem Stuttgarter Schlossplatz aufgebaut.
Eine Bühne ist für den Kirchentag, der heute Abend beginnt, mitten auf dem Stuttgarter Schlossplatz aufgebaut.Foto: Marijan Murat/dpa

Von Mittwoch bis Sonntag schlägt der Evangelische Kirchentag in Stuttgart seine weißen Plastikzelte auf. Zum ersten Mal wird es auf einem Kirchentag ein Zentrum „Gender“ und ein Zentrum „Regenbogen“ geben. Dort soll mit der Bibel für eine Vielfalt der Lust, der Liebe und der Beziehungsformen geworben werden, bi- und transsexuelle Varianten eingeschlossen. Ein Zentrum Familie gibt es nicht.

Das ist nur konsequent. Vor zwei Jahren veröffentlichte der Rat der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine „Orientierungshilfe“ in Sachen Familie. Das Papier plädierte dafür, alle Beziehungen gleichermaßen wertzuschätzen, in denen die Partner verantwortungsvoll und liebevoll, verlässlich und treu zueinander stehen, ob mit oder ohne Trauschein.

Vor einem Monat beschloss die evangelische Landeskirche in Berlin, Homo- und Hetero-Ehen vor dem Altar gleichzustellen. Weitere Landeskirchen wollen folgen.

Während sich die katholische Kirche nicht dazu durchringen kann, homosexuelle Paare auch nur zu segnen, scheinen die Protestanten einen Turbo zugeschaltet zu haben auf dem Weg zu einer bunten, sexuell vielfältigen Auslegung der biblischen Schriften. Alles tolerant, alles gut?

So einfach ist es nicht. Auch das könnte sich in Stuttgart zeigen. In der württembergischen Landeskirche sind die frommen Pietisten in der Mehrheit, Baden-Württemberg wird gerne als „Pietcong“ belächelt, in Anspielung auf die Guerilla-Organisation Vietcong. In Baden-Württemberg wurde in den vergangenen Jahren über sexuelle Vielfalt im schulischen Lehrplan fast so vehement gestritten wie um den Stuttgarter Kopfbahnhof. Für viele Pietisten ist „Gender“ ein Reizwort und der Segen für Homosexuelle eine schlimme Verwässerung der kirchlichen Lehre.

Es gibt eben verschiedene Geschwindigkeiten innerhalb des deutschen Protestantismus – und erst recht innerhalb des evangelischen Spektrums weltweit. Von unreflektiertem Bibelglauben bis hin zum linken Politaktivismus ist alles vertreten. In Stuttgart werden die unterschiedlichen Perspektiven aufeinandertreffen, und es werden sich im Kleinen die ideologischen Gräben auftun, die sich 2017 beim 500. Reformationsjubiläum im Großen zeigen werden. Denn dann werden amerikanische Baptisten und afrikanische Evangelikale Wittenberg besuchen und sich wundern, wie ihre liberalen deutschen Schwestern und Brüder Luther interpretieren.

Der Weg zu mehr Toleranz, den die evangelischen Kirche in Deutschland eingeschlagen hat, ist richtig. Wer es ernst meint mit der Nächstenliebe, kann andere und ihre Beziehungen nicht abwerten, nur weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben. Zu einem reflektierten Glauben gehört aber auch die Selbstkritik und die Fähigkeit, den anderen gelten zu lassen, auch wenn er anderer Meinung ist und seinen Glauben anders lebt. Einstellungen verändern sich durch pragmatische Schritte oft schneller als durch demonstrative Aktionen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt das Motto des Stuttgarter Kirchentags. Das gilt nicht nur für die anderen, sondern vor allem für einen selbst.

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