Ex-Bischöfin Käßmann : Migration gab es bereits in der Bibel

In ihrer Antrittsvorlesung als Gastprofessorin in Bochum hat sich die frühere Bischöfin Margot Käßmann mit Migration und Mission auseinandergesetzt. Hier veröffentlichen wir einen Auszug.

Margot Käßmann
Für ein Jahr übernahm die frühere Bischöfin Margot Käßmann, die nach einer Alkoholfahrt zurückgetreten war, eine Gastprofessur an der Universität Bochum.Alle Bilder anzeigen
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13.01.2011 08:59Für ein Jahr übernahm die frühere Bischöfin Margot Käßmann, die nach einer Alkoholfahrt zurückgetreten war, eine Gastprofessur an...

Migration ist ein urbiblisches Motiv! Die Ersten, die sich aufmachen, sind in der biblischen Geschichte Adam und Eva. Sie müssen das Paradies verlassen und eine neue Heimat finden. Und dieses Motiv bleibt konstant: Abraham und Sarah brechen auf in ein unbekanntes Land – aus freien Stücken. Joseph findet sich gezwungenermaßen in der Fremde wieder und muss sich integrieren.

Mose führt in der biblischen Erzählung das ganze Volk Israel aus Ägyptenland in die Wüste und schließlich bis zur Grenze des gelobten und verheißenen Landes. Dort werden die Israeliten kämpfen müssen, um ihre Kultur zu behaupten gegen die vorhandene Kultur des Landes Kanaan.

Und immer wieder gibt es Auseinandersetzungen, ob denn das Volk abtrünnig sei, wenn es Kult und Religion der Völker vor Ort annehme, sich zu sehr assimiliere, statt die Differenz zu leben. Fremd sein oder anpassen, integrieren oder okkupieren, abgrenzen oder assimilieren, das Eigene und das Andere – es sind Themen, die die Bibel auf faszinierende Weise durchbuchstabiert. So haben etwa die Gefangenen in Babylon Heimweh nach Jerusalem, und der Prophet Jeremia rät ihnen in einem Trostbrief, sich nicht zurückzusehnen, sondern dort, wo sie nun einmal sind, Familien zu gründen und Häuser zu bauen. Der Prophet Elia hingegen wettert gegen die Baalspropheten und legt sich blutig mit Königin Izebel an.

Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus wird das jüdische Volk seine Heimat in Israel, in Jerusalem verlieren. Und Jüdinnen und Juden in aller Welt fragen sich seitdem: Was bedeutet mein Jüdischsein in der Fremde, in Argentinien oder den USA, in Frankreich oder Indien, im Libanon oder in Kenia? Wie sehr kann ich mich anpassen, wo muss ich mich abgrenzen? Wann gefährdet die Abgrenzung mein Leben? Und wo werde ich sie durchhalten, auch wenn ich mein Leben dafür riskiere – weil andere meinen, ich gehöre nicht dazu? Weil sie sagen, ich bin nicht Deutscher, sondern Jude? Weil die Fremdzuschreibung stärker ist als meine Integration? Und auch das Neue Testament, der griechische Teil der Bibel, ist vertraut mit Migration. Weise Männer aus dem heidnischen Morgenland machen sich auf nach Bethlehem in die Fremde, um einen König zu suchen, so erzählt es Matthäus. Nach Lukas muss schon Joseph mit Maria und dem neugeborenen Jesus nach Ägypten fliehen. Jesus selbst weiß als junger Mann, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Land. Denen, die er aussendet, rät er, den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie nicht aufgenommen werden. Und Paulus schließlich wird der erste große reisende Missionar, er ist es, der unermüdlich von Ort zu Ort geht, um das Evangelium zu verbreiten und schließlich die Grenze zu Europa überschreitet.

Migrare heißt wandern – und das wandernde Gottesvolk ist ein urbiblisches Bild von Mose bis zum Hebräerbrief. Unterwegs sein, sich in fremden Kulturen beheimaten, das ist eine Kernerfahrung der biblischen Erzählungen.

Die Kirchengeschichte schließlich ist im Anschluss an Paulus Missionsgeschichte und damit Migrations- und Inkulturationsgeschichte. Der so genannte Missionsbefehl aus Matthäus 28: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker…“ wurde zur Grundlage einer weltweiten Ausbreitung des Christentums. Und es bedurfte mutiger Menschen, die bereit waren, ihre Heimat zu verlassen, um das zu tun.

Gleichzeitig werden sich so manche Xukuru-Indianer in Brasilien oder Adivasi in Südindien gefragt haben, was denn diese Menschen aus fremden Ländern wollten. Ein Überlegenheitsgefühl der Missionare gab es allzu oft, Selbstgerechtigkeit, die keine Wertschätzung der vorhandenen Kultur zeigte. In Afrika etwa war es oft ein Zeichen der Taufe, dass Frauen sich nun von Kopf bis Fuß verhüllten. Unter den gegebenen klimatischen Bedingungen war das kein Fortschritt, sondern ein Hygieneproblem.

Die Autorin ist ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Text ist ein Auszug aus ihrer Antrittsrede, die sie am Mittwoch als Gastprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum hielt. Der Vortrag lautete: „Multikulturelle Gesellschaft – Wurzeln, Abwehr und Visionen“.

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