Feminismus heute : Feindbild Mutterglück

Aus dem alten Korsett „Kinder, Küche, Kirche" ist heute das Korsett „Kinder, Kita, Karriere“ geworden. Eine mutter- und kinderfreundliche Gesellschaft stellt sich unsere Autorin anders vor.

Antje Schmelcher
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Ich habe eine typische „Frauenerwerbsbiografie“. Ich habe also nicht Karriere gemacht. Manchmal empfinde ich das als ungeheure Befreiung. Dann wieder fürchte ich, etwas versäumt zu haben. Damals habe ich das Ende meines Angestellten-Daseins als herbe Niederlage empfunden. Wodurch es beendet wurde? Natürlich durch ein Kind. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Examen mit eins Komma noch was, Volontariat und gleich darauf ein fester Job. Am ersten Tag in der neuen Abteilung machte mein Vorgesetzter mir klar, dass er eigentlich einen anderen Kandidaten – natürlich männlich – für meine Stelle vorgesehen hatte. Ich machte ihm klar, dass sein Vorgesetzter aber mich für diese Stelle vorgesehen hatte. Was für ein Einstieg!
Außerdem war ich zu meiner Überraschung in einer Männer-Domäne gelandet, obwohl ich nun für den Kulturteil einer Zeitung arbeitete: als einzige Frau, später waren wir manchmal zu dritt. Während meines Studiums ließen sich auf den Fluren der Fremdsprachen-, Germanistik- und Geschichtsseminare zu meinem Leidwesen kaum männliche Kommilitonen finden. Wo kamen jetzt die ganzen Männer im Feuilleton her? Auf den Konferenzen wurden Zigarren geraucht und Zoten gerissen. Wie man sich zu dreckigen Bemerkungen von Männern verhält, hatte ich schon als Praktikantin eines Nachrichtenmagazins gelernt: Niemals beleidigt sein, nicht rausgehen, keine Türen knallen, bloß nicht zum Betriebsrat! Mitmachen konnte man dafür bei den schwulen Kollegen. Da waren dann die männlichen Praktikanten die Dummen. Vor allem aber durfte man sich als Frau im gebärfähigen Alter niemals zum Thema „Kinder“ äußern. Die Väter unter den Kollegen schrieben die niedlichsten Glossen über ihren Nachwuchs. Als Frau schwieg man dazu besser. Mütter gab es in der Abteilung nicht. Außer natürlich den Sekretärinnen.
Die Chefs wechselten ständig. Und trotz Zoten und Zigarren wirkten meine männlichen Kollegen unglücklich.

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Mein Angestellten-Dasein endete, weil ich mit Kind nur das Angebot bekam, auf meine Vollzeitstelle zurückzukehren

Ständig bekamen sie von oben eins drauf. Dumm nur, dass ich in dieser Kette ganz unten stand, als Jüngste und als Frau. Ein wohlmeinender Chef der höheren Ebene setzte sich mit mir zusammen und gab mir für mein berufliches Vorankommen den Tipp, doch öfter mal die Abendveranstaltungen des Hauses zu besuchen und mir dafür eine entsprechende Abendgarderobe zuzulegen. Ich hatte eine wunderbare Option, mich diesem Wahnsinn zu entziehen: Ich wurde schwanger. Meine beiden Vorgesetzten reagierten fassungslos. Der eine kippte im Stuhl nach hinten und ließ die Arme baumeln, der andere kippte nach vorne und vergrub das Gesicht in den Händen. „Dass es das heute noch gibt!“, sagte der eine. Ich war 32. Nach Klärung der Formalien wurde mir eine halbe Stunde später auch noch gratuliert.

Mein Angestellten-Dasein endete, weil ich mit Kind nur das Angebot bekam, auf meine Vollzeitstelle zurückzukehren. Kurz vor Einführung des Teilzeitgesetzes kündigte ich also. Eine ungeheure Dummheit! Und eine ungeheure Befreiung. Trotzdem fühlte ich mich wie ausgespuckt, mit Kind war ich nicht mehr „employable“.

Nun war ich Mutter. Und zum ersten Mal mein eigener Chef. Ich hatte alle Eigenschaften, die man dazu brauchte: Liebe, Geduld und Freude am Wachsen meines Kindes. Trotzdem bekam ich unangekündigt Besuch vom Jugendamt. Zwei Damen mit sportlichem Haarschnitt standen vor der Tür. Wie sie auf mich gekommen sind? Das sei nur ein Angebot. Wozu? Die Damen erklärten mir, dass es beim Bezirksamt eine Liste mit Tagesmüttern gebe. Ich brauchte aber keine. Die Damen verabschiedeten sich. Zum Jugendamt musste ich trotzdem. Mein Mann und ich wollten uns das Sorgerecht teilen. Wir waren noch nicht verheiratet. Die Sachbearbeiterin zeigte mit einem Lineal auf meinen Mann. Auf dem Lineal waren Fotos koprologischer Proben. Ob ich sicher sei, dass „er“ das geteilte Sorgerecht bekommen solle? Ja! Ob „er“ der Vater des Kindes sei? Ja! Ob ich wüsste, dass ich „ihn“ dann in allen Erziehungsfragen um Zustimmung bitten müsste? Ja! Ob ich mir das gut überlegt hätte? Ja! Danach ließ sie „ihn“ unterschreiben.

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