Flüchtlinge im Hungerstreik : In Berlin zeigt der Wohlstand seine hässliche Fratze

Hungerstreik vor dem Brandenburger Tor, Flüchtlinge in einem Zeltlager mitten in Kreuzberg - das Leid der Asylsuchenden ist in Berlin wieder präsent. Endlich, findet Sidney Gennies. Denn es zeigt, dass deutscher Wohlstand nur auf Kosten anderer funktioniert.

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Auf dem Pariser Platz protestieren erneut Flüchtlinge für ihre Rechte und sind in den Hungerstreik getreten.
Auf dem Pariser Platz protestieren erneut Flüchtlinge für ihre Rechte und sind in den Hungerstreik getreten.Foto: Thilo Rückeis

In Berlin zeigt der Wohlstand seine hässliche Fratze. In Hellersdorf, wo die Nachbarn doch bitte schön informiert werden wollen, bevor ihnen Hilfsbedürftige vor die Nase gesetzt werden. Am Oranienplatz, wo die größte Sorge der Behörden ist, bloß nicht zuständig zu sein, wenn Flüchtlinge in unwürdigen Verhältnissen in Zelten überwintern. Und vor dem Brandenburger Tor, wo Menschen mit ihrem Hungerstreik den Touristen ihre Kitschbilder versauen. All das provoziert Streit und Unbehagen.

Endlich. Denn es zeigt: Das ist der Preis für den Wohlstand. Andere bezahlen dafür. Mit ihrem Leben, ihrer Würde. Auch Berlin geht es gut, weil es anderen so unendlich viel schlechter geht. Das ist gewollt von der Politik, weil die weiß, dass das beim Wähler gut ankommt: Wohlstand. So lange es nur diskret passiert. 80 Millionen Euro geben die EU-Staaten jährlich für die Agentur Frontex aus, die mit nichts anderem beschäftigt ist, als die Außengrenzen der Union mit Hubschraubern und Schnellbooten gegen Einwanderer und Flüchtlinge zu verteidigen. Deutschland hat mit dem „Asylkompromiss“ 1992 sehr deutlich gemacht, dass Asylsuchende nicht willkommen sind. Umringt von EU-Mitgliedsländern hat die Bundesrepublik sich über die Drittstaatenregelung hunderttausende Asylbewerber vom Hals geschafft.

Zu Besuch im Camp am Oranienplatz
Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz ist umstritten und politisch nur geduldet. Doch es hat auch viele Unterstützer. Zuletzt besuchten die Grünen-Politikerinnen Canan Bayram (MdA, Sprecherin der Berliner Grünen für Migrations-, Integrations- und Flüchtlingspolitik) und Barbara Lochbihler (Foto; MdEP, Grüne, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments) die Bewohner, um sich näher über ihre Lebenssituation zu informieren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Björn Kietzmann
28.08.2013 16:37Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz ist umstritten und politisch nur geduldet. Doch es hat auch viele Unterstützer. Zuletzt...

Die Botschaft war deutlich: „Wir wollen euch hier nicht haben!“ Das ging so lange gut, wie die Flüchtlinge schon im Herkunftsland massakriert wurden oder auf dem Weg über das Mittelmeer ersoffen sind. Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch jetzt sind sie im Herzen der Hauptstadt. Sie drohen damit, sich zu Tode zu hungern, sie riskieren ihre Gesundheit im Winter auf dem Oranienplatz. Es ist ihre Chance, den deutschen Souverän wachzurütteln. Flüchtlingsleichen am Strand von Lampedusa hat er zugelassen. Flüchtlingsleichen vor dem Roten Rathaus wird er zu verhindern wissen. Das will er dann doch nicht sehen.

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