Flugverkehr nach dem Absturz von MH 17 : Die neue Angst beim Fliegen

Im Nachhinein ist es erstaunlich, dass Airlines wie die Lufthansa bis Donnerstag die Ostukraine überflogen. Der Abschuss von MH 17 kann für die Luftfahrt nicht ohne Konsequenzen bleiben. Gegen Verbrecher, die Raketen einsetzen, sind Zivilflugzeuge allerdings kaum zu schützen.

Gerd Appenzeller
Wrackteile der Maschine nahe der Ortschaft Grabowo Foto: dpa
Wrackteile der Maschine nahe der Ortschaft GrabowoFoto: dpa

Die Feststellung US-amerikanischer Geheimdienstler, die malaysische Verkehrsmaschine sei wohl „aus Versehen“ von prorussischen Rebellen abgeschossen worden, klingt lapidar und zynisch. Die Erkenntnis – so es denn eine ist – macht auch keinen der 298 Insassen von Flug MH 17 wieder lebendig. Dass die von Russland ausgerüsteten Kämpfer Flugzeuge nicht aus Versehen, sondern gezielt abschießen, haben sie schon vor dem mörderischen Anschlag auf die Passagiermaschine mehrfach bewiesen, und auch am Mittwoch wieder demonstriert.

Im Nachhinein ist es mehr als erstaunlich, dass eine Reihe internationaler Gesellschaften, auch Lufthansa, bis Donnerstag regelmäßig die Ostukraine überflogen, während andere, wie Qantas oder Air Berlin längst Konsequenzen aus den Kämpfen gezogen und die Flugrouten umgeplant hatten. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Terroristen am Mittwoch den von ihnen verursachten Absturz zweier Militärmaschinen bekannt gaben, ist auch ein Beweis, dass sie russischer, präziser: Putins, Unterstützung nach wie vor sicher sein können.

Buk-Raketen wurden auch nach Syrien und Venezuela geliefert

Für die internationale Zivilluftfahrt, für die Airlines, aber auch für uns alle, die wir Flugzeuge benutzen, kann das Wissen nicht ohne Konsequenzen bleiben, dass sich weit reichende Bodenluftraketen nicht nur in der Ukraine in der Hand von skrupellosen Kampfgruppen befinden. Die beiden Abschüsse vom Mittwoch sind zwar vermutlich nicht durch jene weit reichenden Boden-Luft-Raketensysteme vom Typ Buk erfolgt, dem die malaysische Maschine zum Opfer fiel. Tatsächlich aber hat Russland Buk-Raketen auch nach Syrien und Venezuela geliefert. Die Systeme sind zudem in mehreren unabhängigen Staaten der früheren Sowjetunion vorhanden.

MH 17 flog zum Zeitpunkt des Abschusses in einer Höhe von 10700 Metern, die Buk-Raketen treffen bis in einer Höhe von 25000 Metern. Wo kann da heute noch zwischen Mitteleuropa und Asien sicher geflogen werden? Der Blick auf die Karte zeigt, dass eine mögliche Route nördlich der Ukraine über Polen, das Baltikum und Weißrussland führt. Südliches Umfliegen der Ukraine ist fast unmöglich, ohne andere Kriegsgebiete zu überqueren – Syrien, der Irak und Afghanistan gehören zu den gefährlichen und gefährdeten Ländern.

Die Pilotenvereinigung Cockpit, in der 9300 Verkehrspiloten organisiert sind, hinterfragt folgerichtig, ob solche Konfliktzonen überhaupt noch überflogen werden dürften. Natürlich ist die Nachrüstung ziviler Flugzeuge mit Antiraketensystemen möglich, wie sie Israels El Al benutzt und mit dem auch die großen Maschinen der Flugbereitschaft der Bundesregierung ausgerüstet sind. Gegen die Buk-Raketen ist diese Technik aber nutzlos, denn die sind radargesteuert und suchen sich nicht als Ziel die Wärmequelle der Motoren. Bleibt als erste Bilanz eine erschütternde Rat- und Hilflosigkeit. Der Begriff der Non-Proliferation, der ursprünglich die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen beschrieb, hat eine völlig neue Dimension bekommen. Die USA erlebten das vor Jahrzehnten schon einmal, als die CIA in Afghanistan die gegen die sowjetische Besatzung kämpfenden Mudschaheddin mit Stinger-Raketen ausrüstete – vor denen US-Flieger ein Jahrzehnt später Angst hatten.

Der Absturz von MH17
Trauer vor der Niederländischen Botschaft in Moskau: Im Osten der Ukraine ist ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines abgestürzt. Alle 298 Insassen sind offenbar tot. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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18.07.2014 13:58Trauer vor der Niederländischen Botschaft in Moskau: Im Osten der Ukraine ist ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines...

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