Gas aus tiefen Schichten : Fracking ist keine Alternative

Die Koalition plant ein Gesetz zum Fracking, zur Nutzung von tief liegenden Gasvorkommen. Auch wenn die Technik beherrschbar sein sollte - ihre Nutzung würde nur den Irrglauben nähren, dass wir unseren Lebensstil nicht ändern müssen.

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Fracking - die umstrittene Nutzung von tief liegenden Rohstoffvorkommen - wird vor allem in den USA bereits praktiziert.
Fracking - die umstrittene Nutzung von tief liegenden Rohstoffvorkommen - wird vor allem in den USA bereits praktiziert.Foto: AFP

Wenn sich in der schwarz-gelben Koalition, nach Ansicht der Bundeskanzlerin die beste Regierung der Nachwendezeit, ein CDU- und ein FDP-Minister geräuschlos über ein Thema einigen, ist das so selten, dass ein Kalendereintrag lohnt. Wenn beide dann das Ergebnis aber unterschiedlich interpretieren, entsprechen sie eher als Angela Merkels Elogen dem Erscheinungsbild dieses Parteienbündnisses. Und da es bei dem Deutungsstreit nicht um Kleinigkeiten, sondern um ein Reizthema wie Fracking geht, schrillen die Alarmsirenen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier interpretiert die Einigung als überaus restriktiv, die Anwendung des Verfahrens in Deutschland sei wenig wahrscheinlich. Wirtschaftsminister Philipp Rösler sieht hingegen erhebliche Chancen. Er ist damit nahe bei BASF- Chef Kurt Bock, der von der Nachrichtenagentur Reuters mit der Formulierung zitiert wird: Wir wollen gerne testen, was in Deutschland überhaupt möglich ist.

Fracking – das kommt von fracturing, aufbrechen – ist ein Verfahren, bei dem durch eine unter hohem Druck injizierte Wasser-Chemikalien-Mischung Gas aus tiefliegenden Gesteinsschichten gelöst wird. Die USA glauben, sich durch Fracking aus der Energieabhängigkeit von arabischen Lieferanten befreien zu können. Wirtschaft und Politik rechnen mit nachgebenden Öl- und Gaspreisen. Die unter deutschem Boden vermuteten Gas-Vorräte könnten 25 Jahre reichen und helfen, die Heizkostenrechnungen deutlich zu reduzieren. Angesichts der bekannten finanziellen Belastungen durch die angestrebte Energiewende ist das ein gewichtiges Argument.

Aber Fracking ist eine risikobehaftete Technik. Das Wasser-Chemikalien-Gemisch könnte nach dem Hochpumpen mit radioaktiven Salzen belastet sein. Wie die Flüssigkeit entsorgt werden soll, ist unklar – „sorglos“ wird das kaum gehen. Auswirkungen auf das Trinkwasser sind nicht auszuschließen, über den Verlauf unterirdischer Wasserströmungen zwischen 1000 und 3000 Meter unter dem Boden wissen wir nichts. Nicht auszuschließen ist, dass Fracking Erdbeben auslösen kann.

Der Altmaier-Rösler-Kompromiss verbietet das Verfahren in Wasserschutzgebieten. Das sind 17 Prozent des deutschen Territoriums. Also bleibt es auf 83 Prozent erlaubt.

Die Gefahren mögen beherrschbar sein. Die Folgen eines Unfalls wären furchtbar. Vollends unbeherrschbar bleibt jedoch die menschliche Neigung, sich vor Herausforderungen zu drücken. Wenn die verfügbare Menge an fossilen Brennstoffen durch dieses Verfahren für weitere 25 Jahre gesichert werden kann, gehen sowohl die Forschungen an alternativen Energien als auch die Bereitschaft der Industrie, dafür Geld zu investieren, rapide zurück. Die Manager von heute sind in 25 Jahren Rentner. Was schert sie die Zukunft im Vergleich zur Rendite von heute? Fracking nährt eine große Illusion – den Wunderglauben, wir kämen um eine Umstellung unseres Lebensstils auf Dauer herum.

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