Gastbeitrag : Der Syrienkonflikt ist eine Chance für Israel

Ein kluger Umgang mit der Krise könnte die Position Israels in der Region verbessern. Doch die Regierung macht keine Anstalten, diese Chance zu nutzen, meint Roy Kaidar, ehemals Strategieberater Netanjahus.

Roy Keidar
Ein syrisches Mädchen blickt aus einem Busfenster. Das Kind lebt schon seit Monaten in einem Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze.
Ein syrisches Mädchen blickt aus einem Busfenster. Das Kind lebt schon seit Monaten in einem Flüchtlingslager an der...Foto: AFP

Bisher wurde der Arabische Frühling oft als einmaliges Ereignis betrachtet, doch nun können wir beobachten, dass eine zweite Welle die Region überrollt. Staaten, die jene „erste Welle“ schon hinter sich haben – die dazu geführt hat, dass die Regierenden in Ländern wie Tunesien, Ägypten, Libyen und Jemen abgesetzt wurden –, erleben nun die zweite Welle. Dieses Mal ist das gesamte politische System Ziel der Umwälzungen.

Syrien ist noch mitten in der ersten Welle, verwickelt in einen gewaltsamen Konflikt, in dessen Verlauf schon jetzt etwa 70 000 Menschen gestorben sind, in dem Hunderttausende verwundet wurden und der einen Flüchtlingsstrom von fast einer Million Menschen verursacht hat. Nach innen droht der Konflikt die Nähte aufzutrennen, die die Patchworkdecke der syrischen Gesellschaft zusammenhalten – jene Decke, die einst so ungeschickt zusammenflickt wurde.

Roy Keidar ist Geschäftsführer des „Reut Institute“, einer unabhängigen Strategieberatung in Tel Aviv.
Roy Keidar ist Geschäftsführer des „Reut Institute“, einer unabhängigen Strategieberatung in Tel Aviv.Foto: promo

Die Ereignisse in Syrien beeinflussen Israel weit über seine nördliche Grenzregion hinaus und sie verursachen Herausforderungen ebenso wie ungeahnte Möglichkeiten. Syrien ist dabei, eine „Hybridregion“ zu werden, ein geografischer Ort, der durch ein Nebeneinander verschiedener Mächte gekennzeichnet ist: einer souveränen staatlichen Macht auf der einen Seite, die allerdings nicht in der Lage ist, das Staatsgebiet zu kontrollieren, und ein nicht staatlicher Akteur, der aus der Zivilbevölkerung heraus operiert. Das Phänomen der Hybridregionen ist eine Herausforderung für Israels Sicherheitsdoktrin, die nicht darauf ausgelegt ist, mit Regionen umzugehen, in denen es keinen klaren Ansprechpartner gibt, niemanden, den man für Bedrohungen für die Sicherheit des Landes verantwortlich machen kann. Das zeigt sich an den ähnlich gelagerten Dilemmata, mit denen Israel mit der Hisbollah im Libanon konfrontiert ist, und an der Vielfalt der Bedrohungen auf dem Sinai.

Die Weltmächte halten sich mit einer Intervention in Syrien zurück, aus Angst davor, in das Chaos hineingezogen zu werden, das in der Zeit nach Assad dort herrschen wird. Das ermöglicht es anderen Mächten mit Interessen in Syrien, sich in Stellung zu bringen, indem sie in dem Land zunehmend Milizen aufbauen und bewaffnen, als Vorbereitung für die Zukunft.

Israel hingegen verharrt passiv an der Seitenlinie, während neue Realitäten geschaffen werden, und das, obwohl Israel ein großes und berechtigtes Interesse am Ausgang des Spiels in Syrien hat und viele dieser Interessen dieselben sind wie die seiner Nachbarn Türkei und Jordanien. Diese gemeinsamen Interessen – zum Beispiel, die Frage, was mit den Waffen des syrischen Regimes passiert und wie sich die humanitäre Lage und die großen Flüchtlingsströme in der Region entwickeln – könnten als Grundlage für eine diskrete Zusammenarbeit dienen.

Während die Regierung zögert, gibt es andere Akteure, die nicht einfach zuschauen können. Die Flüchtlingskrise fordert Hilfen in einem Ausmaß, dem internationale Organisationen kaum mehr gerecht werden können. Diese Lücke füllen jüdische und israelische Hilfsorganisationen und tun, was ihnen möglich ist, um das Leiden zu lindern. Das könnte ein Vorbild sein für eine neue Form des Engagements Israels in der Region, in der das Land ansonsten isoliert ist: Zivilgesellschaftliche Gruppen können als Botschafter dienen, als Kanäle für politische Beziehungen und ein gegenseitiges Kennenlernen.

Indem sich Israel an die einfache Regel erinnert, dass in jeder Krise eine Chance steckt, könnte die instabile Situation der Hybridregion die Gelegenheit liefern, die Gräben zu Ländern wie der Türkei und Jordanien zu überbrücken. Die israelische Regierung macht keine Anstalten, sich an die Spitze dieser Bemühungen zu stellen, aber zahlreiche israelische NGOs sind bereit und willens, voranzugehen und die Zusammenarbeit mit jenen zu verstärken, mit denen sie sich auf einmal im selben Boot wiederfinden.

Roy Keidar ist Geschäftsführer des „Reut Institute“, einer unabhängigen Strategieberatung in Tel Aviv. Er war unter den Regierungen Olmert, Sharon und Netanjahu Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, der den israelischen Premierminister berät. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Sauerbrey.

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