Gastbeitrag : Punkte für Deutschland

Amerika hat die Greencard, Deutschland braucht die "Schwarz-Rot-Gold-Karte", meint der Vorstand der Bertelsmannstiftung für Bildung und Integration. Ohne klare Regeln für Zuwanderung wird Deutschland den internationalen Wettbewerb um Fachkräfte verlieren.

Jörg Dräger
Foto: Arne Weychardt, Bertelsmann
Foto: Arne Weychardt, Bertelsmann

Wer im Gestern verharrt, kann die Zukunft nicht gestalten. Das gilt auch für die Themen Integration und Zuwanderung. Unser Blick fällt so sehr auf die ungelösten Integrationsprobleme der Vergangenheit, dass wir keine Modelle für attraktive Zuwanderung in der Zukunft entwickeln. Das muss sich ändern. Denn ohne Einwanderung wird Deutschland in den kommenden Jahrzehnten dramatisch schrumpfen. Unser Land braucht deshalb so dringend wie nie zuvor gut ausgebildete Neubürger. Nicht nur hoch qualifizierte Ingenieure, IT-Spezialisten und Ärzte, sondern auch Fachkräfte im Pflege- und Dienstleistungsbereich.

Ohne Frage müssen wir auch bestehende Integrationsprobleme wie die zu hohe Arbeitslosigkeit unter Einwanderern oder die noch weit verbreitete Skepsis gegenüber Fremden und dem Islam lösen. Sonst wäre unser Land weder aufnahmebereit für neue Bürger noch würden qualifizierte Zuwanderer zu uns kommen wollen. Wir brauchen aber schon heute einen Mechanismus für künftige Zuwanderung. Der derzeitige Mechanismus lockt Fachkräfte nicht an, er blockt sie ab. Denn noch immer gilt der Anwerbestopp aus den 70er Jahren – wenn auch durchlöchert von vielen Ausnahmen. Weil Steuerung von Einwanderung bei uns nach wie vor der Logik von Begrenzung und Befristung folgt, funktioniert sie nicht. Die neue Blue Card ist nur ein Beispiel: Sie will Fachkräfte anlocken, schreckt diese aber zugleich mit einem befristeten Aufenthaltsrecht ab.

Unsere Integrationspolitik braucht deshalb einen Perspektivwechsel. Zuwanderung darf nicht länger streng regulierte Ausnahme bleiben, sondern muss zur Regel mit Ausnahmen werden. Eine „Schwarz-Rot-Gold-Karte“ als Eintrittskarte nach Deutschland wäre mehr als nur ein Symbol. Sie würde bereits vom Begriff her signalisieren, dass Fachkräfte dauerhaft in Deutschland bleiben und Teil unserer Gesellschaft werden können, wenn sie das wollen.

Diese Schwarz-Rot-Gold-Karte sollte international bewährte Einwanderungsregeln kombinieren. Interessierte Zuwanderer erhalten Punkte sowohl auf Basis ihrer Qualifikationen als auch für konkrete Jobangebote. Ab einer bestimmten Punktezahl ist die Zuwanderung dann möglich. So ist sichergestellt, dass neue Zuwanderer mit einer aktuell nachgefragten Qualifikation in Deutschland nicht dauerhaft arbeitslos werden, sondern sich flexibel am Arbeitsmarkt bewegen können. Einhergehen sollte sie mit einfacheren Wegen zum Erwerb der Staatsbürgerschaft.

Die Schwarz-Rot-Gold-Karte wäre ein starkes Signal nach außen und nach innen. Nach außen, weil sich Deutschland so im internationalen Wettbewerb um Talente als offenes, attraktives Land positioniert. Nach innen würde die Schwarz-Rot-Gold-Karte ein klares Zeichen setzen, dass sich Deutschland als Einwanderungsland versteht und gesellschaftliche Vielfalt begrüßt.

Dies ist überfällig, denn unsere heutige Integrationspolitik ist halbherzig und von einem diffusen „Ja aber“ geprägt: Wir gewähren in Deutschland geborenen Kindern von niedergelassenen Ausländern zwar den deutschen Pass, aber nur bis sie volljährig sind. Wir gewähren Ausländern zwar einen dauerhaften Aufenthalt, aber verweigern ihnen in der Regel die Einbürgerung. Wir lassen sie Steuern bezahlen, aber geben ihnen kein Wahlrecht. Die Liste der Paradoxien ließe sich fortsetzen.

Erfolgreiche Einwanderungsgesellschaften sorgen dafür, dass die Gesellschaft die Vielfalt in ihrer Mitte schätzt und diese sich im öffentlichen Leben widerspiegelt. Eine Schwarz-Rot-Gold-Karte wäre ein kluger Mechanismus für qualifizierte Zuwanderung. Und sie wäre ein Schlüssel für einen neuen Umgang mit Vielfalt in unserem Land.

Deutschland braucht einen solchen Politikwechsel – damit es sich endlich von der Vergangenheit und ihren fruchtlosen Debatten um gescheiterte Integration verabschiedet und Zuwanderung von der Zukunft her denkt.

Der Autor ist Vorstand der Bertelsmann Stiftung für den Bereich Bildung und Integration.

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