Gastkommentar : Afrikas Regierungen müssen Verantwortung zeigen

Die hungernden Menschen in den ostafrikanischen Staaten brauchen unsere Hilfe jetzt, fordert Günter Nooke, der Beauftragte der Bundeskanzlerin. Das allein ist aber nicht die Lösung. Ein Gastkommentar.

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Geschafft: Halema Mussel ist endlich im Lager angekommen. Viele Menschen schaffen es jedoch nicht, Somalia zu verlassen um Hilfe zu suchen.Weitere Bilder anzeigen
Ingrid Müller
29.07.2011 22:50Geschafft: Halema Mussel ist endlich im Lager angekommen. Viele Menschen schaffen es jedoch nicht, Somalia zu verlassen um Hilfe...

Menschen sterben, nur weil Wasser und Nahrung fehlen. Nachrichten aus Somalia, Äthiopien und dem Norden Kenias zeigen uns allabendlich das schreckliche Ausmaß dieser Dürrekatastrophe. Vor allem die Bilder der kleinen, unterernährten Kinder rühren uns an und regen uns auf. Da müssen wir helfen. Ohne Zweifel!

Wir, das ist die Bundesregierung, die gerade „ihre“ Hilfen von 15 auf 30 Millionen Euro verdoppelt hat. Das ist eigentlich Ihre Hilfe, weil es das Geld der Steuerzahler ist. Für diese Möglichkeit, die Deutschland als reiches Land hat, kann eine Regierung nur dankbar sein. Und sicher kann mit mehr Geld aus dem Bundeshaushalt und von privaten Spendern auch noch mehr geholfen werden, wenn jetzt neue Lager in Kenia für die Hungerflüchtlinge aus Somalia aufgebaut werden.

Doch die Dürrekatastrophe ist nicht dadurch entstanden, dass zu wenig Geld bereitsteht. Vielmehr gibt es ein sehr komplexes Ursachengeflecht, es ist schwierig, einzelne Punkte herauszugreifen. Offensichtlich handelt es sich um eine Naturkatastrophe, die erwarteten Regenzeiten blieben aus. Ursache dafür sind die zunehmenden Extremwetterlagen, die zwar nicht direkt, aber indirekt auch mit dem Klimawandel zusammenhängen. Klar ist: Wenn Regen ausbleibt, scheitern die traditionellen Methoden, sich mit dem Anbau von landwirtschaftlichen Früchten selbst zu versorgen. Lagerhaltung, Wasserspeicherung während der kurzen, aber oft sintflutartigen Regenfälle, Schutz der Nahrungsmittel vor dem Verderben, effektive Verteilsysteme zwischen unterschiedlich betroffenen Gebieten – all das erfordert landesweite Koordination. In weiten Gebieten Äthiopiens und Kenias ist das aufgrund fehlender Infrastruktur äußerst schwierig. Unmöglich ist es in Somalia, wo seit zwanzig Jahren Bürgerkrieg herrscht.

Für diese Aufgaben gibt es staatliche Strukturen, Regierungen sind dafür verantwortlich. Somalia ist ein gescheiterter Staat ohne Regierung; selbst für Hilfsorganisationen ist es extrem gefährlich, dort zu arbeiten. Das Welternährungsprogramm der UN verlor seit 2008 14 Mitarbeiter in Somalia. Wer helfen will, braucht Zugang zu den Menschen. Wenigstens den muss die islamistische Al-Shabbab-Miliz ermöglichen.

Generell unverzichtbar bleiben stabile, möglichst rechtsstaatliche Strukturen und der politische Wille der Regierenden, das elementare Menschenrecht auf Nahrung zu sichern. Dazu gehört, wie bei der Monate vorher angekündigten Dürre, die notwendigen Vorsorgemaßnahmen zu treffen.

Ohne industrielle landwirtschaftliche Produktion wird das Ernährungsproblem am Horn von Afrika nicht zu lösen sein. Landverkäufe sind nicht per se schlecht, auch nicht an China. An der jetzigen Situation sind die Investoren nicht schuld. Meist haben sie noch gar nicht begonnen, das Land zu nutzen. Obwohl auch das zu Konflikten führen kann, wenn anderen damit ihre Lebensgrundlage entzogen wird und die Regierung nicht für Ersatz sorgt. Aber Landverkäufe heben die Verantwortung der Regierungen nicht auf, für die eigene Bevölkerung und den Aufbau von Strukturen zu sorgen, die eine Bekämpfung von Hungersnöten ermöglichen. Auch mehr und bessere Landwirtschaftsschulen und Agrarforschung, die praxisnah ist und deren Ergebnisse umgesetzt werden, kann mittel- und langfristig Linderung schaffen. Bei uns müssen europäische Agrarsubventionen abgebaut werden. Und wir dürfen in der Entwicklungszusammenarbeit nicht nur von der Hilfe zur Selbsthilfe reden, sondern müssen besser aus Fehlern lernen. Entwicklungszusammenarbeit muss sich überflüssig machen und ist kein Arbeitsbeschaffungsprogramm für hoch qualifizierte Internationals.

Den hungernden Menschen jetzt hilft das nicht. Sie brauchen unsere Unterstützung jetzt. Wir dürfen aber die notwendigen und schwierigen Debatten zur Vermeidung solcher Katastrophen nicht immer erst im Angesicht sterbender afrikanischer Kinder führen!

Der Autor ist Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin.

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