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Gastkommentar : Die Beschneidung steht für Vereinnahmung und Unterwerfung

27.07.2012 11:03 Uhrvon
Ein türkischer Junge sitzt vor der Beschneidungszeremonie im traditionellen Gewand in einer Moschee.Bild vergrößern
Ein türkischer Junge sitzt vor der Beschneidungszeremonie im traditionellen Gewand in einer Moschee. - Foto: dapd

Gegen die Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung von Frauen gehen wir entschlossen vor. Das Beschneidungsritual dagegen soll unantastbar bleiben. Es wird mit zweierlei Maß gemessen, obwohl es um das Gleiche geht.

Gustav Wolle, mein Großvater, ein Berliner und Jude, aß gern Schinken vom Schwein und ging nicht in die Synagoge. Die Gesetze der Thora betrachtete er mit mildem Spott. Aber natürlich war er beschnitten. Ebenso wie seine beiden assimilierten Söhne, die mit der Religion ihrer Vorväter ebenfalls nichts mehr am Hut hatten. Dem uralten Ritual hatte sich die Familie dennoch unterzogen. So viel Judentum, immerhin, musste damals, vor dem Dritten Reich, noch sein.

Wenn in unserem später protestantisch geprägten Haus davon die Rede war, erklärte die Mutter, die alten Juden hätten das Verfahren aus hygienischen Gründen erfunden. Von dem Bund mit Gott, den das Opfer des Zipfelchens besiegeln soll, sprach niemand.

Ich glaube, sie wussten nichts davon.

Heute wissen es alle, seit die Kölner Richter den Akt der Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung einstuften. Bis dahin nahmen wir es einfach hin. Jetzt sind alle hellwach in dieser Frage. Der Friede mit den religiösen Minderheiten droht zu zerbrechen. Schließlich geht es um die göttliche Wahrheit.

Video: So denken die Berliner über das Beschneidungsurteil

Das Problem ist, dass die Wahrheit der einen oft die Wahrheit anderer widerlegt. Wenn es schlimm kommt, führt das zu Mord und Totschlag. Im aktuellen Fall stehen geheiligte Gewohnheiten gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Damit steckt der deutsche Staat mächtig in der Klemme. Was juristisch eindeutig erscheint, gilt politisch als höchst anstößig. Undenkbar, dass in dem Land, das Auschwitz zu verantworten hat, das jahrtausendealte Ritual der jüdischen Beschneidung strafbar sein soll. Undenkbar ebenso, die empfindsamen Moslems mit einem Verbot auszugrenzen. Es muss also – vorerst ! – eine Möglichkeit gefunden werden, die Sache wieder in einen Ruhezustand zurückzuführen.

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