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Gefährlicher Konsens : Nie wieder Krieg! Nie wieder Sarrazin!

29.05.2012 10:14 Uhrvon
Thilo Sarrazin, die Ein-Mann-Opposition.Bild vergrößern
Thilo Sarrazin, die Ein-Mann-Opposition. - Foto: dapd

Weder Kommunismus noch Nationalsozialismus sind heute ernsthafte Gefährdungen. Für Alexander Gauland liegt die Gefahr eher in der Trägheit eines Konsenses, der sich für das Wahre und damit für das Alleinzulässige hält. Das wird im Umgang mit Thilo Sarrazin besonders deutlich.

Was ist das für ein intolerantes Land geworden. Da schreibt einer ein Buch über den Euro und kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis, dass man ohne ihn genauso weit gekommen wäre. Doch statt seine Thesen zu diskutieren, sie zu bezweifeln und ihm Fehler anzukreiden, fordern nicht wenige Politiker erst einmal ein Ende der Diskussion. Frau Künast findet die ARD das falsche Forum und die Gebühren für Thilo Sarrazin vergeudet, Jürgen Trittin sieht den Autor rechts außen, der Finanzminister findet das Ganze „himmelschreienden Blödsinn“ aus „einem verachtenswerten Kalkül“ unter das Volk gebracht, und der SPD-Politiker Robbe dekretiert, dass sich mit Sarrazin niemand in eine Talkshow setzen sollte, schließlich, so eine mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnete Journalistin, sei Sarrazin nicht mehr als eine „lispelnde, stotternde Menschenkarikatur“.

Umso verdienstvoller ist es, dass Peer Steinbrück ebendas tat, mit Sarrazin zu diskutieren und es den Zuschauern und Zuhörern zu überlassen, wer denn nun recht oder unrecht hat. Von Voltaire stammt das berühmte Diktum, dass er eine bestimmte Ansicht hasse, sich aber immer dafür einsetzen werde, dass sie gedruckt und verbreitet werden könne. Doch die Voltaireianer sterben in Deutschland aus. Waren es früher rechte und linke Extremisten, die das freie Wort unterdrückten, gibt es heute zunehmend eine Radikalität der Mitte, die bestimmen möchte, was im Diskurs zugelassen ist und was ohne Diskussion der Verdammung verfällt. Nicht Richtig oder Falsch zählen, sondern die gesellschaftliche Nützlichkeit eines Arguments. Denn den bloß wirtschaftlichen trauen die Kritiker Sarrazins offensichtlich selbst nicht über den Weg.

Bereits Thilo Sarrazins voriges Buch hatte eine starke Debatte ausgelöst:

Dabei ist Sarrazin nicht der Erste, der die Europasehnsucht der Deutschen auf ihre durch Auschwitz erschütterte Identität zurückführt. Helmut Schmidt und Helmut Kohl haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass Deutschland eine über das Wirtschaftliche hinausgehende historische Verantwortung gegenüber Europa hat. Warum das, nur weil es Sarrazin – wenn auch kritisch – benennt, himmelschreiender Blödsinn sein soll, erschließt sich wohl nur denen, die den Wert und die Stimmigkeit von Argumenten danach aufteilen, wer sie verwendet. Und was Sarrazin äußert, ist von vornherein der damnatio memoriae verfallen. Vieles in der alten Bundesrepublik wie im neuen Deutschland ist von der Lektion des „Nie wieder!“ geprägt. Nie wieder Krieg, nie wieder Unterdrückung, nie wieder Unfreiheit. Doch die Gefahren, die das „nie wieder“ bannen soll, kommen meist nicht im Gewand ihrer historischen Vorgänger einher. Weder Kommunismus noch Nationalsozialismus sind heute ernsthafte Gefährdungen unserer Ordnung. Die Gefahr liegt eher in der Trägheit eines Konsenses, der sich für das Wahre und damit für das Alleinzulässige hält.

Dass Sarrazin wider diesen Stachel löckt, macht ihn zu einer Ein-Mann-Opposition. Besser wären allerdings Parteien, die innerhalb des demokratischen Spektrums jene Meinungen zum Ausdruck bringen würden, die Sarrazin bedient. Doch gerade das möchte die politische Elite mit ihren Drohgebärden um jeden Preis verhindern. Dass sie dabei dem Autor zu einem Millionengeschäft verhilft, nimmt sie in Kauf, dass sie die freiheitlichen Grundlagen des Gemeinwesens beschädigt, wird ihr nicht einmal bewusst.

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