Generation Maybe : Leben in der Villa Kunterbunt

Nur weil Gott tot ist, heißt das noch lange nicht, dass keiner mehr glaubt. Die jungen Menschen suchen ihren Lebenssinn heute in Fußball, Yoga oder Self-Help-Büchern. Wichtig ist nur, dass alle glücklich sind.

Oliver Jeges
Der Autor ist Journalist. Von ihm ist gerade erschienen: „Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche“ (Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2014. 192 Seiten, 17,95 Euro).
Der Autor ist Journalist. Von ihm ist gerade erschienen: „Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche“ (Haffmans & Tolkemitt,...Karikatur: Schwalme

Wer sich für ein Studium an einer deutschen Hochschule entscheidet, hat eine gewisse Erwartungshaltung. Wie man voraussetzt, dass ein Wiener Schnitzel aus Kalbfleisch besteht, dass es sich beim neuen Stephen King um eine spannende Horrorgeschichte und keinen kitschigen Softporno handelt und dass, wo schottischer Whisky draufsteht, kein osteuropäisch gepanschter Fusel drin ist – genauso kann man von einer Universität annehmen, es mit einem Ort der Wissenschaft zu tun zu haben. In Frankfurt an der Oder ist das anders.

Seit mehr als fünfhundert Jahren existiert hier die Viadrina-Universität. Im Jahr 1991 wurde die Bildungsstätte neu gegründet. Gesine Schwan, später Bewerberin um das Bundespräsidentenamt, war unter anderem Rektorin hier. Die Viadrina ist zwar keine klassische Volluniversität, man kann aber dennoch so bodenständige Fächer wie Betriebs- oder Volkswirtschaft, Jura oder Kulturwissenschaft studieren.

Unsere Epoche hat sich dem geistigen Anything goes verschrieben

Doch in den nuller Jahren geriet die Viadrina in den Ruf, eher eine Zauber- denn eine Hochschule zu sein. Wissenschaftlich skurril anmutende Fächer wie Komplementärmedizin standen plötzlich auf dem Lehrplan und konnten als Kurse besucht werden. Wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren der Uni publizieren und lehren zu so obskuren Themen wie Ufos, dem Gralsmythos, astrologischer Ernährungsberatung und paranormalen Phänomenen. Ein Student verfasste gar eine Masterarbeit, in der er Belege über das Hellsehen anführte und sich mit Visionen von diversen Probanden befasste. Die Arbeit wurde ausdrücklich gelobt.

Seither wird die Viadrina-Universität von vielen nur noch als „Hogwarts an der Oder“ bezeichnet. Weil sie mehr einer Zauberschule wie der in den Harry Potter-Romanen gleicht als einer seriösen Hochschule. Ein akademisches Wolkenkuckucksheim. Doch hinter diesem offenbar singulären Phänomen steckt in Wahrheit viel mehr. Es ist das Symptom einer Epoche, die sich dem geistigen Anything goes verschrieben hat.

Fußball, Apple und Esoterik sind Ersatzreligionen

Der Esoterikboom der vergangenen Jahrzehnte ist nur eine Facette eines weit größeren Phänomens. Die Hogwartisierung hat nicht nur Einzug in renommierte Universitäten gehalten, sondern auch in unser Denken. Es drückt sich nicht nur in absurden Theorien über Wunderwasser, Auraheilung und Wünschelruten aus. Das sind lediglich die extremen Ausprägungen eines Zeitgeistes, der stets das Luftige dem Geerdeten vorzieht.

Nein, diese Weltanschauung drückt sich insbesondere aus in einem Zwang zum Positivdenken, einem endlosen Streben nach Glück und der Angst vor Konflikten. Wir wollen das schöne, gute Leben, nicht so sehr das wahre. Wenn es irgendwie geht, versuchen wir Widerstände zu vermeiden. Unser Leben richten wir ein wie die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf, eine Welt, in der wir tun und lassen können, was immer wir wollen.

Wir haben zwar den Glauben an den einen Gott verloren, dafür glauben wir nun an alles mögliche. Unsere Ersatzreligionen heißen Esoterik, Fußball, Gesundheit, Ökologie, Apple, Social Media, um nur einige von vielen zu nennen. Menschen sind nicht gerne frei, daher haben sie sich zu jeder Zeit Götter geschaffen. Doch heute sind das eher Fußballer wie Mario Götze und Mesut Özil als Kirchenväter wie Thomas von Aquin oder Augustinus. Wer ein x-beliebiges Länderspiel im Fernsehen oder live sieht, kann zu dem Schluss gelangen, einer religiösen Zeremonie beizuwohnen. Vor dem Spiel singen die beiden Teams ihre Nationalhymnen, dann verlesen die Mannschaftskapitäne ihren Willen, sich an die Regeln des Fairplay zu halten, und sprechen dabei die letzten Worte synchron, wie in einem gemeinsamen Gebet. Amen. Statt den Leib Christi gibt es Pils vom Fass, und wo es langgeht, sagt nicht der Pfarrer, sondern der Schiedsrichter.

Glück und Globuli

Statt an Gott glauben wir viel lieber an Glück und Globuli. Für unsere Generation gilt: Wir vermischen die Dinge. Was einst die Bastion des Glaubens war, die Religion, sehen wir heute viel rationaler. Die Apokalypse nach Johannes – welch grober Unfug! Jona im Bauch des Wals – ein Tor, wer so was heute noch glaubt! Andererseits öffnen (oder verengen) wir unseren Horizont für Randgebiete wie die Homöopathie, esoterischen Klimbim und eine global zusammengepuzzelte Spiritualität.

Viele meiner Bekannten schwören etwa auf Yoga. Und geben eine Menge Geld dafür aus. Sie rennen in Kurse, in denen sie sich unter semiprofessioneller Anleitung in alle Himmelsrichtungen verbiegen. Es gibt inzwischen so viele Formen von Yoga, dass man gar nicht mehr weiß, für welche man sich entscheiden soll: Acro-Yoga, Bikram- Yoga, Tula-Yoga und Dutzende Spezialrichtungen mehr. Yoga, das ist ein Mix aus Beten und Verrenken. Reine Gymnastik, also Bodenturnen ohne Spiritualität, machen hingegen nur noch Rentner, die von der Kasse eine Rückentherapie verschrieben bekommen. Wenn schon Dehnungsübungen, dann müssen sie auch einen esoterischen, pseudogöttlichen Touch haben. Man will nicht nur die Muskeln lockern, sondern auch den Verstand. Den Kopf leer machen vom hektischen Alltagsgetriebe.

Unsere Generation ist süchtig nach Harmonie und hat nie richtig gelernt, wie man Konflikte löst. Wir wollen ein Leben, das schmeckt wie süßer Sirup, der aber trotzdem nicht auf die Figur schlägt. Wir alle haben unseren Paulo Coelho gelesen und im Anschluss das Gefühl gehabt, das Leben nun ein wenig besser zu begreifen. Wir alle haben schon mal – heimlich oder ganz offen – Ratgeberbücher gekauft, die uns erklären, wie das alles zu bewerkstelligen ist im Alltag, im Büro, mit Freunden und Familie. Blogs darüber, wie das Leben gelingen kann, schießen wie Unkraut aus dem Boden. Motivation sei das Wichtigste, heißt es dann immer, flexibel und anpassungsbereit müsse man sein. Und dass wir alles erreichen können. So wie wir ins Universum reinrufen, so kommt es auch zurück, haben wir irgendwo gelernt. Positiv müsse man sein und ja keine negativen Gedanken solle man zulassen. Wir wissen zwar tief drinnen, dass das nicht funktionieren kann, aber das ist nun mal der Geist der Zeit, in der wir leben.

Das kritische Denken ist ausgehebelt

Von welcher Seite man sich auch der geistigen Befindlichkeit meiner Generation nähert, aus allen Poren tropft das süße Gift der Harmonie. Wir machen uns das Leben, so wie es uns gefällt.

In unserer Generation siegt immer das Leichte über das Schwere. Daher freuen wir uns, wenn der Chef uns duzt. Deswegen sind wir die erste erwachsene Generation, die noch immer Zeichentrickserien guckt, ob nun SpongeBob oder die Simpsons, und die noch mit Ende zwanzig den Elektronikfachhändler nach der neuesten Ausgabe von „Assassin’s Creed“ fragt, damit die Play-station am Abend endlich wieder ordentlich rotiert.

Wir leben in einer Märchenwelt, die wir uns so einrichten, damit wir es möglichst flauschig und gemütlich haben. Das Leben soll schön sein, bunt und gut. Wir wollen niemanden, der uns dabei stört, wenn wir unser inneres Gleichgewicht suchen. Wir haben das kritische Denken ausgehebelt und an dessen Stelle ein wackeliges Glücksgebäude errichtet. Wir orientieren uns nach dem Grundsatz: Richtig ist, was sich gut anfühlt. Es ist eine Art Eskapismus, den wir praktizieren, eine stille Flucht vor der Realität.

Wenn es einen Gott gibt, dann einen wie Woody Allen

Wenn meine Generation nach einem geistigen Überbau sucht, bastelt sie sich ihre eigenständigen Heilslehren aus den Ideen Rudolf Steiners, dem Sufismus, der Kabbala, dem Hinduismus und dem Buddhismus zusammen. Ein bisschen von hier, ein bisschen von da und – voilà! – schon fühlt man sich wieder wohl geborgen im chaotischen und unübersichtlichen 21. Jahrhundert. Der Vorteil dabei ist, dass der Glaube, weil austauschbar, wöchentlich wechseln kann. Glaubt man von heute auf morgen aus unerfindlichen Gründen nicht mehr an eine Wiedergeburt oder an endlose Reinkarnationen, wie sie im Hinduismus prophezeit werden, dann entfernt man jenes Glaubenselement einfach aus seinem spirituellen Klettergerüst und fokussiert sich stattdessen auf einen ganz anderen Aspekt in seiner Weltanschauung. Finden wir einen strafenden und rächenden Gott doof, dann biegen wir ihn uns eben so hin, damit es passt. Man nennt das gemeinhin gerne den „Supermarkt der Religionen“.

Ich selbst bin Agnostiker, weiß also nicht, ob es einen Gott gibt oder nicht. Ich glaube nicht, dass es ihn gibt. Wenn aber doch, muss er so ein Woody-Allen- oder Loriot-Typ sein, der sich einen Riesenspaß daraus macht, die Menschen da unten auf der Erde gegeneinander auflaufen zu lassen. Ich meine, es ist doch vollkommen absurd, was hier abgeht. Alles Stoff für eine grandiose Komödie! Die Menschen stehen sich permanent gegenseitig im Weg herum und versuchen einander auszutricksen. Jeder will im rechten Licht glänzen. Überall herrscht gekränkte Eitelkeit. Wie sich der Mensch abmüht, eine gute Figur abzugeben, ist einfach wunderbar komisch.

Im Supermarkt der Religionen

Der Glaube und die Religion waren etwas, worüber man vor einiger Zeit noch richtig schön streiten konnte. Aber auch das geht nicht mehr. Zumindest in meiner Generation. Die Harmoniekultur macht jede Argumentation überflüssig. Als ich einmal mit einem Freund im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt philosophierte, fragte ich ihn, wie er nur an die Bibel glauben könne. An die Jungfrauengeburt, die Arche Noah, Sodom und Gomorra und so weiter. An so was glaube doch kein normaler Mensch, sagte ich. Richtig, meinte er, daran glaube er natürlich auch nicht. Überhaupt sei für ihn nicht das Alte, sondern nur das Neue Testament relevant. Ich argumentierte wieder dagegen. Er meinte, man könne natürlich nicht an alles glauben, wichtig seien doch nur die Passagen mit Jesus. Ich sage, es gebe eine Passage, in der Jesus der Menschheit den Krieg erklärt: „Ich bin gekommen, um das Schwert zu bringen.“ Ich denke, jetzt habe ich ihn. Doch mein Kumpel meint nur, habe er noch nie gehört. Und wenn schon! Was spiele das für eine Rolle, wenn das da drin steht. „Wichtig ist doch nur, dass Jesus Gutes getan hat.“ Was soll man da noch ernsthaft drauf erwidern.

Das Buch "Generation Maybe" ist gerade bei Haffmans & Tolkemitt erschienen
Das Buch "Generation Maybe" ist gerade bei Haffmans & Tolkemitt erschienenFoto: promo

Man kann Katholik oder Protestant sein und an 99,9 Prozent aller Dinge, die in der Bibel stehen, nicht glauben. Wir schustern unser Weltbild zusammen, wie wir es gerade brauchen. Selbst wenn alle Fakten gegen die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln sprechen, schwören wir darauf, weil es uns eben so gut gefällt. Da wir niemandem mehr vertrauen, der uns die ersten und letzten Dinge erklärt, erledigen wir den Job einfach selber. Wir glauben dann an eine „höhere Macht“, an eine „universelle Energie“ oder an die ausgleichende Gerechtigkeit des Karma. Wir konsultieren spirituelle Kurse, Coaching-Seminare oder Self-Help-Bücher – irgendwas gibt es immer, womit wir uns über den tristen Alltag hinwegzutrösten versuchen. Die Beratungsindustrie boomt auch deshalb, weil keiner mehr alleine weiter weiß.

Glück: Vogel, Karotte oder Benzin?

Vielleicht kommt irgendwann die Erkenntnis, dass man das Glück nicht erzwingen kann. Ein österreichisches Sprichwort sagt: Das Glück is a Vogerl. Genau wie ein Vogel ist auch das Glück schwer zu fangen. Aber wir lechzen so sehr danach. So wie der Esel, dem eine Karotte vor dem Maul baumelt. Das Glück – es ist das Benzin unserer Tage.

Vor einigen Jahren saß ich einmal mit einem Bekannten zusammen. Wir sprachen über dies und das. Er erzählte von seinem letzten Urlaub und seiner Arbeit im Büro, von der er eher schlecht als recht leben könne, die ihn aber dennoch glücklich mache. Er ist ein gnadenloser Positivdenker. Dann sagte er: „Die Welt ist so schön.“ Ich wollte kein Spielverderber sein, musste aber dennoch nachfragen, ob man wirklich sagen könne, die Welt sei so schön, es gäbe da doch so ein paar Kleinigkeiten: Afrika, Terror, Armut, Hunger und dergleichen. Darauf fragte mein Bekannter, warum ich so negativ eingestellt sei. „Man muss doch die schönen Seiten im Leben sehen.“

Der Autor ist Journalist. Von ihm ist gerade erschienen: „Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche“ (Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2014. 192 Seiten, 17,95 Euro).
Der Autor ist Journalist. Von ihm ist gerade erschienen: „Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche“ (Haffmans & Tolkemitt,...Foto: promo

Der Autor ist Journalist. Von ihm ist gerade erschienen: „Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche“ (Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2014. 192 Seiten, 17,95 Euro).

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