Griechenland : Die Waage Europas

Die Griechen reicht der Sparkurs, sie wollen aber am Euro festhalten. Bei der Wahl müssen sich zwischen dem einen und dem anderen entscheiden. Damit steht am Sonntag auch die Zukunft der Währungsunion auf dem Spiel.

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Die einen ziehen mit Fahnen, die ans Hakenkreuz erinnern, durch die Straßen und recken die Arme zum Hitlergruß empor. Die anderen schwenken rote Flaggen, propagieren die Abschaffung des Parlaments und die Diktatur des Proletariats. Wenige Tage vor der Wahl haben in Griechenland Extremisten Hochkonjunktur. Die Krise polarisiert die Griechen. Die harten Sparauflagen und die tiefste Rezession seit Ende des 2. Weltkriegs haben tiefe Spuren in der politischen Landschaft hinterlassen. Die beiden traditionellen Volksparteien, die das Land seit dem Ende der Obristendiktatur abwechselnd regierten und es ins Schuldendesaster gestürzt haben, bekommen die Wut der Wähler zu spüren. Das ist verständlich, aber nicht ganz gerecht. Schließlich profitierten sehr viele Bürger von dem dicht geknüpften Netz der Gefälligkeiten, das die Politiker im Lauf der Jahrzehnte über dem Land ausgebreitet haben. Zur Klientelwirtschaft, zur politischen Korruption, gehören immer zwei.

Nun bekommen die Griechen die Rechnung präsentiert. Das Land durchläuft einen schmerzhaften Anpassungsprozess. Für die Menschen ist er mit erheblichen Opfern verbunden. Die Einkommen sind im vergangenen Jahr im Schnitt um ein Viertel zurückgegangen, die Arbeitslosigkeit ist auf dem höchsten Stand seit Kriegsende. Unter den 15- bis 24-Jährigen ist jeder Zweite ohne Job. Griechenland hängt am Tropf der internationalen Gläubiger, die immer neue Auflagen diktieren.

Die meisten Griechen gehen wütend zur Wahl. Davon profitieren nationalistische Kräfte am rechten wie am linken Rand des politischen Spektrums. Behalten die Meinungsforscher recht, werden im nächsten Parlament zehn Parteien vertreten sein. Sieben von ihnen lehnen die Sparauflagen ab, drei propagieren sogar offen den Austritt Griechenlands aus der Europäischen Union.

Griechenland steht am Scheideweg. 1981 festigte der Beitritt zur EWG die nach dem Ende der Obristendiktatur noch unsichere Demokratie. Diese Weichenstellung erwies sich als ein großer Glücksfall. Nie zuvor seit seiner Staatsgründung vor 180 Jahren hat Griechenland eine solche Ära der Stabilität und des Wohlstands erlebt wie in den vergangenen drei Jahrzehnten. Jetzt konfrontiert die Krise die Griechen mit einem Dilemma: Acht von zehn Bürgern lehnen den Sparkurs ab. Fast ebenso viele wollen aber am Euro und der EU festhalten. Doch beides zusammen geht nicht. Um diese Entscheidung geht es bei der Wahl.

In einer Umfrage erklärten 44 Prozent, sie wollten bei der Wahl vor allem „protestieren und bestrafen“. Es ist zu hoffen, dass sich bis zum Sonntag eine besonnene Sicht durchsetzt und die Wähler mehrheitlich jenen Parteien ihre Stimme geben, die an der europäischen Integration des Landes arbeiten wollen. Nicht nur für die Griechen steht bei dieser Wahl alles auf dem Spiel. In Hellas wird auch über Europa abgestimmt. Denn wenn sich Griechenland vom Euro verabschiedet, könnte das einen Dominoeffekt auslösen, der die Fundamente der Währungsunion erschüttert.

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