Hetze in Berlin : Touristenhasser raus!

Zu laut, zu blöd und ständig im Weg: In unserer toleranten Weltstadt gehört es inzwischen zum guten Ton, gegen Besucher zu hetzen. Unser Autor glaubt, es hackt. Eine Solidaritätsbekundung.

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Wie soll man das verstehen? Hat Berlin kein Herz für Touristen? Und wer steckt hinter den Klebe-Botschaften?Alle Bilder anzeigen
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16.05.2011 09:56Wie soll man das verstehen? Hat Berlin kein Herz für Touristen? Und wer steckt hinter den Klebe-Botschaften?

Donnerstagabend auf dem Gipfel des Kreuzbergs. Ein Mann ärgert sich über Glasscherben auf den Treppenstufen des Nationaldenkmals und schimpft: „Scheiß Touris!“ Nicht, dass gerade welche zu sehen wären. Er hat auch keinen Lonely Planet zwischen den Scherben am Boden entdeckt oder Visitenkarten mit exotischen Namen drauf. Nein, das müssen Touristen gewesen sein, weil die so etwas ständig tun: sich danebenbenehmen, alles zumüllen, uns das Leben schwer machen.

Freunde prahlen damit, orientierungslose Berlin-Besucher gelegentlich gezielt in die Irre zu führen und etwa statt zur Friedrichstraße Richtung Reinickendorf zu schicken. Ein Nachbar besitzt ein T-Shirt mit der lustig gemeinten Aufschrift „Wir verhandeln nicht mit Touristen“. Eine Bekannte, die sich für linksliberal hält, begründete ihre Ablehnung neulich mit dem Argument: „Die machen uns unsere Clubs kaputt.“ Ich glaube, es hackt.

Auf der gefühlten Lästigkeitsskala rangiert der gemeine Tourist bei vielen irgendwo zwischen Stechmücke und Hundekot. Und wer zugibt, dass er Touristen eigentlich ganz gerne mag (etwa weil sie sich für Dinge begeistern können, die Einheimische längst nicht mehr wahrnehmen), wird so entsetzt angesehen, als hätte er gerade den Holocaust geleugnet.

Sebastian Leber solidarisiert sich mit den Berlin-Touristen.
Sebastian Leber solidarisiert sich mit den Berlin-Touristen.Foto: Mike Wolff

Jetzt könnte man wohl argumentieren, dass Tourismus doch ein wichtiges ökonomisches Standbein ist, dass der Berliner Haushalt ohne die 22 Millionen Übernachtungen pro Jahr und alle damit verbundenen direkten und indirekten Einnahmen noch desolater dastände.

Aber darum geht es gar nicht. Sondern um die arrogante Grundhaltung: Wie kann einer Menschen ablehnen, bloß weil sie sich in einer fremden Stadt bewegen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben?

Groteskerweise gilt Touristen-Bashing gerade in solchen Kreisen als politisch korrekt, die sich ansonsten dem Kampf gegen jede Form von Diskriminierung verschrieben haben. Als die Kreuzberger Grünen zu einem Diskussionsabend mit dem armseligen Motto „Hilfe, die Touris kommen!“ luden, erschienen empörte Kiezbewohner, die ernsthaft eine Bannmeile um ihr Viertel forderten.

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