Huffington Post : Es gilt das Grundgesetz der Gratiskultur

Der Start der deutschen Ausgabe der „Huffington Post“ zeigt: Aufmerksamkeit heißt die neue Währung, Selbstausbeutung ist das Prinzip. Wirklicher Journalismus ist das nicht.

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Namensgeberin: Verlegerin Arianna Huffington bei der Präsentation der deutschen Ausgabe ihres Onlinemagazins in München.
Namensgeberin: Verlegerin Arianna Huffington bei der Präsentation der deutschen Ausgabe ihres Onlinemagazins in München.Foto: dpa

Aufmerksamkeit hat die deutschsprachige „Huffington Post“ gleich an ihrem ersten Tag auf sich ziehen können. Mit einer exklusiven Umfrage, dass schon ein Drittel der Deutschen Neuwahlen wünschen. Eine interessante Neuigkeit, keine Frage. Aber dann kam dieser „Hammer“: „Friedensnobelpreis geht an Alice Munro“. Gemeint ist der Literaturnobelpreis. Da verschmelzen Schnelligkeit und Ahnungslosigkeit. Aufmerksamkeit kann auch peinlich werden.

Der „Huffington Post Deutschland“ werden weitere solcher Schnitzer unterlaufen. Nach dem gültigen Geschäftsmodell wird mit sehr geringem Aufwand auf maximale Ausbeute gezielt. Die wenigen Redakteure sollen ein Ameisenheer von nicht bezahlten Autoren steuern, zugleich muss im 24-Stunden-Turnus stets frische Ware auf die Website gehoben werden. Im Ernstfall kostet das Geld, es verlangt journalistische Kompetenz, braucht geschulte Expertise.

All das will die Tomorrow Focus AG unter dem Dach des Medienkonzerns Burda sich nicht wirklich leisten. Es gilt das Grundgesetz der Gratiskultur. Die User bekommen unentgeltlich, was die Tomorrow-Truppe aus eigener Kraft produziert, was sich der „HuffPo“-Aggregator andernorts aus dem Netz klaubt und nach zartem Schminken zum eigenen Nutzen und Frommen weiterverwertet. Wer immer sich zum Schreiben berufen fühlt, darf veröffentlichen. Da trifft die Unterhemd-Fraktion auf die Partei der anderswo Unbeachteten, auf die Klasse der eitlen, auch klugen Blogger. Aufmerksamkeit heißt die Währung, Selbstausbeutung das Prinzip. Wenn die Klickzahlen stimmen, dann kommen – so die Erwartung – die Werbeeinnahmen.

Die „Huffington Post“ will vielleicht eine klassische Nachrichten-Website sein, faktisch ist sie ein direktes Belohnungsmedium. Einfach müssen die wenigen Nachrichten gestrickt sein, der Ton ist ein boulevardeskes Grundrauschen. Da muss bild.de mehr aufpassen als Spiegel Online oder Tagesspiegel.de. Belohnungsmedium meint zweierlei: Niedrigschwellige Informationsaufbereitung, wofür auch die Wahl des früheren ZDF-Morgenmagazinlers Cherno Jobatey als Herausgeber steht, eine sehr freundliche Einladungskultur zum Kommentieren, zum Mitmachen, zum Teilhaben. „HuffPo“ zielt ab auf ein mediales Perpetuum mobile: Viele schreiben (und arbeiten) für viele, die wieder für viele schreiben (und arbeiten). Die Eigenleistung der Redaktion liegt darin, über Texte, Bilder und geeignete Effekte die User-Debatte in Schwung zu halten, ja ständig neu zu befeuern. Immer muss man alles selber machen lassen, könnte die Losung lauten.

Die „Huffington Post Deutschland“ präferiert und nutzt Information zur Bedürfnisbefriedigung seiner User. „HuffPo“ will jedem das wärmende Gefühl vermitteln, er sei Teilhaber von „HuffPo“. Mit seinem Beitrag, der keiner Nachricht, aber mindestens einer Neuigkeit gleichkommt. Das ist schon ein Wert, keine Frage. Aber keiner aus der Preisklasse: Journalismus.

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