Integrationsdebatte : Gauck hat den Islam ersatzlos gestrichen

Erst die Sache mit der "Staatsräson", dann die Distanzierung von der Rolle des Islam in Deutschland: Joachim Gauck prägt keine Worte, sondern entprägt sie. Doch das ist zu wenig für einen Bundespräsidenten.

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Mit seinen Islam-Äußerungen hat Gauck ein geteiltes Echo erzeugt.
Mit seinen Islam-Äußerungen hat Gauck ein geteiltes Echo erzeugt.Foto: AFP

Für deutsche Spitzenpolitiker, die nach Israel fahren, steht die Choreografie fest. Erster Teil: Empathie, Zerknirschung und Treuegelöbnis in der Gedenkstätte Jad Vashem, poetisch-pathetischer Eintrag ins Gästebuch, Betonung der „einzigartigen Beziehungen zu“ und „besonderen Verantwortung für“ Israel, Verurteilung aller antiisraelischen Ressentiments, Verständnis für das Bedrohungsgefühl, Warnung vor Irans Atomprogramm. Ist der erste Teil absolviert, darf im zweiten Kritik geübt werden – an der Siedlungspolitik, dem stockenden Friedensprozess, begleitet von Sorgen über eine wachsende Kriegsgefahr und dem Einsatz für die „berechtigten Anliegen der Palästinenser“.

Die Reaktionen auf die Gauck-Äußerungen in Bildern

Geteiltes Echo auf Gaucks Islam-Äußerungen
CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat sich in der Debatte um die Islam-Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck auf dessen Seite gestellt. „Gauck hat eindeutig die richtigen Worte gefunden“, sagte Dobrindt am Freitag in München. „Deutschland ist ein christlich geprägtes Land mit einer christlichen Historie und einer christlich-fundierten Werteordnung“, sagte er mit Blick auf Kritik an Gaucks Worten in der „Zeit“, wo er sich von der Einschätzung seines Vorgängers Christian Wulff distanzierte, der Islam gehöre zu Deutschland.Alle Bilder anzeigen
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01.06.2012 10:24CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat sich in der Debatte um die Islam-Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck auf...

Bundespräsident Joachim Gauck hat sich an dieses Skript gehalten. Er sagte das Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sein gewinnendes Wesen trug zum Erfolg der Reise bei. Dennoch hat Gauck erste Zweifel an seiner Urteilssicherheit genährt. Das gilt zum einen für seine Distanz zur deutschen „Staatsräson“ in Bezug auf Israels Sicherheit, zum anderen für seine Abkehr von jenem Respekt, den sein Vorgänger, Christian Wulff, für die Religion des Islam in Deutschland bezeugt hatte. Ersatzlos streichen ist leicht. Doch ein Bundespräsident sollte den Ehrgeiz haben, Worte nicht nur zu entprägen, sondern zu prägen.

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