Islam und Christentum : Das letzte Wort

10.10.2010 21:26 UhrVon Malte Lehming
Gläubige in Mekka. Foto: dpa
Gläubige in Mekka. - Foto: dpa

Die Debatte über den Islam, von Thilo Sarrazin entfacht und den Fehlinterpreten der Rede von Christian Wulff befeuert, wird ahistorisch geführt, aufs Nationale verengt, und sie zeugt von Unverständnis fürs Religiöse an sich. Ein Kommentar.

Die drei zentralen Vorwürfe lauten, Muslime würden, erstens, das religiöse Recht, die Scharia, über das weltliche Recht stellen; zweitens sei der Islam mehr als eine Religion, er mache Politik und positioniere sich weltanschaulich; drittens sei er antiemanzipatorisch und homophob. Alle diese Vorwürfe haben einen richtigen Kern. Aber nichts an ihnen ist exklusiv islamisch. Zumindest die ersten beiden berühren das Wesen von Religion überhaupt.

Auch der gläubige Christ stellt seinen Gott im Zweifelsfall über die weltlichen Gesetze. Seit es sie gibt, rebellierten Christen gegen die bestehende Ordnung. Wenn der Obrigkeit Gebot nicht ohne Sünde befolgt werden kann, heißt es etwa im „Augsburger Bekenntnis“ von 1530, „soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen“.

Dieser Geist durchzieht ebenfalls die sechs Thesen der „Barmer Theologischen Erklärung“ von 1934. Natürlich darf der Rechtsstaat keine Gesetzesverstöße dulden. Das Recht darf vor religiöser Andersartigkeit, die zum Verbrechen führt, nicht kapitulieren. Außerdem befindet sich der christliche Glaube derzeit zum Glück in Übereinstimmung mit der herrschenden Ordnung. Aber den Grundsatz der obersten Bindung an Gottes Wort und Gottes Gebote haben Christen und Muslime durchaus gemein.

Ist der Islam eine Weltanschauung, das Christentum nicht? Wer jemals die 2865 Abschnitte des Katechismus der Katholischen Kirche gelesen hat, weiß, dass er so ziemlich alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst. Wer an die Rolle von Papst Johannes Paul II. beim Sieg über den Kommunismus denkt oder an die lateinamerikanische Befreiungstheologie, sieht, wie politisch der Katholizismus schon immer war. Der Anspruch des Protestantismus ist kaum bescheidener. Ob Armutsbekämpfung, Globalisierung, Kernkraft, Klimawandel, Rüstung – jedes politische Großthema wird mit Denkschriften, Initiativen und Kirchentagen bedacht. Aus christlichem Selbstverständnis mischt man sich ein.

Bleibt die Stellung der Frau und die Ablehnung der Homosexualität. Doch auch die sind nicht exklusiv islamisch. Bis heute dürfen katholische Frauen nicht zu Priestern geweiht werden, bei den Amish-Gemeinden oder Mennoniten müssen sie Kopfbedeckung tragen und in traditionell vorgezeichnete Rollen schlüpfen. Und dort, wo das Christentum, global gesehen, am stärksten wächst – in Afrika und Asien –, wird es von Charismatikern und Evangelikalen geprägt, die in Emanzipationsfragen auch nicht gerade fortschrittlich sind.

Nein, so platt, wie es die Gegenüberstellung suggeriert, ist die Wirklichkeit nicht: hier ein privat praktiziertes Christentum, das sich dem Staat unterordnet und politisch neutral bleibt, dort ein allumfassender, kulturell konservativer Islam, der sich anmaßt, die Welt verändernd zu gestalten. Vielmehr drückt sich im Abwehrreflex gegen das I-Wort (Islam) auch eine allgemeine Religionsaversion aus. Manch einer erträgt es nicht, dass in einem demokratischen Rechtsstaat zwar die Gesetze befolgt werden müssen, die Gedanken aber frei und die Forderungen nach Wertbekenntnissen Gesinnungsschnüffelei sind.

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