Jürgen Elsässer, Ken Jebsen und Co. : Den Mainstream in den Medien erweitern

Ken Jebsen ist ein politischer Aktivist, der mit journalistischen Instrumenten arbeitet, um seine Deutung der Welt zu stärken, schreibt der Publizist Wolfgang Storz. Trotzdem müssten Medien ihren Mainstream erweitern. Ein Gastkommentar.

Wolfgang Storz
Jürgen Elsässer, Herausgeber des Magazins Compact, spricht am 23.11.13 in Schkeuditz (Sachsen) auf der Compact-Konferenz "Für die Zukunft der Familie". Gegen die Diskussionsveranstaltung der als rechtspopulistisch geltenden Zeitschrift protestierten mehrere hundert Menschen. Foto: picture alliance / dpa
Jürgen Elsässer, Herausgeber des Magazins Compact, spricht am 23.11.13 in Schkeuditz (Sachsen) auf der Compact-Konferenz "Für die...Foto: picture alliance / dpa

Der Linken-Politiker Wolfgang Gehrcke beschwert sich über den Text "Für Putin und Pegida" von Matthias Meisner (hier der Link zum Text), in dem er beschreibt, wie jenseits der traditionellen Massenmedien eine umstrittene Gegenöffentlichkeit entsteht - vernetzt unter anderem mit Putin-Anhängern, AfD, Linken und Pegida:

"Es gibt keine Zusammenarbeit der Fraktion Die Linke mit Jürgen Elsässer. Das gilt für die Fraktion und ebenso für mich als stellvertretenden Vorsitzenden der Fraktion. Die Beweisführung des Tagesspiegels ist abenteuerlich. Matthias Meisner im Tagesspiegel berichtet darüber, dass Linken-Parteichef Bernd Riexinger ebenso wie ich politische Kampagnen der Friedensbewegung unterstützt. Um die Partei Die Linke, ihren Parteivorsitzenden und mich dennoch in die Nähe von Elsässer zu rücken, wird auf ein Interview verwiesen, dass ich Ken Jebsen gegeben habe.

Matthias Meisner verschweigt aber, dass zum Zeitpunkt meines Interviews Ken Jebsen mit Jürgen Elsässer öffentlich gebrochen hatte und sich wütendster Angriffe von Elsässer erwehren musste. Die angebliche Querfront, diese Bezeichnung hat bereits Karl Radek das Leben gekostet, findet in den Köpfen von Matthias Meisner und anderen, aber nicht in der Realität zumindest meiner politischen Arbeit statt."

Darauf antwortet der Publizist Wolfgang Storz in einem Gastkommentar:

"Ken Jebsen, er betreibt mit hoher Resonanz ein Medienportal und stellt sich als „unabhängiger Reporter“ vor, wird von keiner Tageszeitung ein Angebot für einen Gastbeitrag bekommen. Er wird mit seinen Positionen ausgegrenzt. Auch deshalb ist das folgende Ereignis Gegenstand von Auseinandersetzungen: Der namhafte Links-Politiker Wolfgang Gehrcke gibt Ken Jebsen ein Interview. Gehrcke sieht darin kein Problem. Worin könnte das Problem liegen?

Ken Jebsen ist ein politischer Aktivist, der mit journalistischen Instrumenten arbeitet: Texte im Netz, vor allem Interview-Videos, inzwischen auch eine politische Gesprächsrunde „Positionen“. Was er macht, das macht er, um seine Deutung der Welt zu stärken, nicht um zu bedeutenden Ereignissen die wichtigsten unterschiedlichsten Interessen und Perspektiven darzulegen; wie dies die Pflicht von Journalisten ist, so die berufliche Norm, zugegeben zu oft nicht die Praxis.

Und wie deutet er die Welt? Aus der Flut an Wortmeldungen können folgende Grundpositionen herausgefischt werden: Bei uns und im Westen herrschen Eliten („eine kleine Geldelite“), die gegen das Volk regieren. Die Medien sind nicht frei, sondern nur im Dienste dieser Eliten tätig. Die Demokratie in Gänze „ein gigantisches Täuschungsmanöver“; so jüngst auf Facebook. Keine Kritik im Detail, eine Ablehnung im Prinzip. Und: Die Kategorien von rechts und links sind überholt. Das ist die Basis, von der aus sich Ken Jebsen mit ihm wichtigen Themen beschäftigt: Kritik an Israel, Ukraine-Krise und Verhältnis zu Russland, das Attentat 9/11, Rolle und Macht von IWF, Medien und Eliten, auch Souveränität von Deutschland gegenüber Israel und den USA.

Publizist Wolfgang Storz Foto: promo
Publizist Wolfgang StorzFoto: promo

Ist Ken Jebsen mit diesen Grundpositionen, Perspektiven und Themen alleine? Er arbeitet gerne mit Lars Mährholz zusammen, dem Organisator der „Montagsmahnwachen“. Bis vor wenigen Monaten auch über mindestens zwei Jahren intensiv mit Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur und Mitgründer von „compact“; ein Streit über Pegida und die Ausländerfrage trennt sie momentan. Das Monatsmagazin hat, nach eigenen Angaben, inzwischen eine Verkaufsauflage von 30 000 Exemplaren; viele Videos und ein regelmäßiges Internet-TV-Magazin gehören auch zum Angebot dieser „Compact“-Mini-Mediengruppe. Autoren des Kopp-Verlages sind wiederum Interviewpartner von Ken Jebsen oder Redner auf den großen Jahreskonferenzen von „Compact“. Kopp ist ein mittelständischer Verlag, der faktisch alles veröffentlicht, was die traditionellen Medien ablehnen: von der 9/11-Verschwörung, verdeckten Kriegsführungen über den Euro-Wahnsinn bis zur Elitenherrschaft. Einer der jüngsten Bestseller: „Gekaufte Journalisten. Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken“ von Udo Ulfkotte wurde mehr als 150 000 Mal gekauft; auch er ein Interviewpartner von Ken Jebsen.

Ein Netzwerk aus eigenständigen profilierten Akteuren, die ohne gemeinsames Ziel und Zentrum, aber auf Basis der oben skizzierten Grundüberzeugung nach Bedarf und Interesse zusammenarbeiten. Hier entsteht jenseits und gegen die klassischen Medien mit wachsendem Erfolg eine Gegenöffentlichkeit; ihr schadet die Ausgrenzung nicht, sie ist im Gegenteil in hohem Maße identitätsstiftend.

Welche Konsequenz kann aus diesem oft erbittert geführten Streit gezogen werden, der sich in dem Leserbrief von Wolfgang Gehrcke widerspiegelt? Ich denke, die klassischen Medien müssen dringend helfen, den von ihnen mitgeprägten Mainstream zu erweitern. Es muss selbstverständlich werden, dass ein strikter Gegner der Euro-Währung, der Politik des Staates Israel, der offiziellen Version von 9/11 mit seinen Argumenten Teil der Berichterstattung und der Debatte ist. Außenminister Frank-Walter Steinmeier mahnte jüngst: „Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter“ als in den Medien. Und genauso entschieden muss politisch die Debatte gegen die Position geführt werden, diese Demokratie sei nichts anderes als das Regime eines kleinen Geldadels im Bündnis mit den Medien gegen das Volk."

Wolfgang Storz ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Von 2002 bis 2006 war er Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau".

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