Katholiken und Protestanten : Die Ökumene bleibt ein frommer Traum – immerhin

Mehrere politisch prominente Persönlichkeiten haben öffentlich einen Aufruf zur Ökumene gestartet. Doch die Katholiken bleiben dogmenstarr, die Protestanten knochenlos flexibel. Mit netten Aufrufen lassen sich diese zentrifugalen Kräfte nicht einfangen.

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Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Bundestagspräsident Norbert Lammert und der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei der Vorstellung des Aufrufs "Ökumene jetzt"
Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Bundestagspräsident Norbert Lammert und der frühere Bundespräsident Richard von...

An sich ist jeder Aufruf zur christlichen Ökumene erst einmal recht. Er darf eben nur nicht recht und billig sein. Und das muss man leider über den Aufruf „Ökumene jetzt!“ sagen, den kürzlich eine Reihe vor allem politisch prominenter Persönlichkeiten veröffentlicht hat. Nach der Vielzahl von unbefriedigend – oder ungehört – gebliebenen ökumenischen Gesprächen muss man heute schon ein bisschen „mehr Butter bei die Fische“ tun, also entweder theologisch auf Spitz und Knopf argumentieren oder aber kirchenpolitisch der Katze die Schelle umhängen.

Die Katze und die Schelle: Der Aufruf verdeckt in seiner Pauschalität das eigentliche Problem. Denn die evangelische Kirche lädt seit langem alle Angehörigen aller christlichen Konfessionen zu ihren Abendmahlsfeiern als Gäste ein. Sie hat auch keine Probleme oder macht Auflagen bei der Trauung konfessionsverschiedener Ehepaare. Die Ökumene in „versöhnter Verschiedenheit“ ist also von der evangelischen Seite aus akzeptiert. Dann soll man das aber auch deutlich sagen: Rom soll sich bewegen!

Robert Leicht war Chefredakteur der "Zeit". Heute arbeitet er für die Wochenzeitung als politischer Korrespondent. Seine Kolumne im Tagesspiegel erscheint montags im Wechsel mit Alexander Gauland.
Robert Leicht war Chefredakteur der "Zeit". Heute arbeitet er für die Wochenzeitung als politischer Korrespondent. Seine Kolumne...Foto: C.v.S.

Dennoch muss ich mich als Protestant nicht blind stellen für die Probleme, die die römisch-katholische Kirche mit solcher Beweglichkeit hat. Wenn man sich erst einmal dogmengeschichtlich auf die Ehe als ein heiliges Sakrament festgelegt hat, dann weiß ich auch nicht zu sagen, wie man mit dem massenhaften Phänomen wiederverheirateter Geschiedener zurechtkommen will, ohne das Sakrament zum Einsturz zu bringen. Wenn man sich erst einmal auf ein Weihepriestertum festgelegt hat, dann weiß ich auch nicht, wie man ohne Einsturzgefahr sagen kann: Sorry, war mal ein Versuch – ab morgen also mit Frauen! Und wenn man sich als alleinseligmachende Kirche mit einem ex cathedra unfehlbaren Papst auf den höchsten Stuhl gesetzt hat, dann ist es rein dogmentheoretisch schwer, sich künftig als eine von vielen gleichberechtigten Kirchen unterschiedlicher Theologien zu bescheiden. (Von dem Pragmatismus, der solche Härte zuweilen begleitet, muss man dann aber auch reden: Da wollte zum Beispiel ein evangelischer Pfarrer sich von seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern trennen und katholischer Priester werden – und schon wurde seine Ehe katholisch „annulliert“, weil es ihm von Anfang angeblich am „inneren Ehewillen“ gefehlt hatte; Gott sei Dank gibt es dann noch ein staatliches Gesetz, das die Würde dieser armen Frau verteidigt.)

Nur sollten wir Protestanten über alledem nicht selbstgerecht werden. Eine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft wenigstens unter Protestanten gibt es nämlich erst seit 1973. Noch 1965, als die evangelische Welt sich über die EKD-Ostdenkschrift zerstritt, drohte der bayerischen Landeskirche die Spaltung über der gleichberechtigten Zulassung von Frauen zum Pfarramt – erst recht vor 60 Jahren war sie alles andere als selbstverständlich. Vor nicht allzu langer Zeit flog ein geschiedener Pfarrer noch aus dem Amt – heute kann er mit seinem gleichgeschlechtlichen Lebenspartner ins Pfarrhaus ziehen. Und – wetten dass? – über kurz oder lang kann sich ein gleichgeschlechtliches Theologen-Paar auch eine Pfarrstelle teilen. Sei’s drum: Aber wenn dann gelegentlich in evangelischen Kirchen sogar die Abwegigkeit des Sühnetodes Christi gepredigt wird, kann man sich angesichts dieser Zeitgeistnähe doch fragen, ob da jemand stiller Teilhaber der „Hurtigruten“ ist.

Wenn die römische Kirche in ihrer Dogmenstarre ein ökumenisches Problem darstellt, dann manches evangelische Kirchenlager in seiner knochenlosen Flexibilität. Mit netten Aufrufen lassen sich diese zentrifugalen Kräfte nicht einfangen.

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