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Kinderbetreuung : Das Kindeswohl sollte uns wichtiger sein als der Arbeitsmarkt

27.12.2012 16:04 Uhrvon

Eltern und Erzieher wissen, wie unglücklich kleine Kinder sein können, die mit zehn, zwölf oder 18 Monaten in die Krippe gebracht werden. Die Warnungen aber werden ignoriert: Das Wohl des Arbeitsmarktes ist uns wichtiger als das Kindeswohl - leider.

Das Kindeswohl ist ein schwammiger Begriff. Jeder kann es sich nach Bedarf zurechtlegen. Bei Scheidungen etwa wird es gern hochgehalten, indem man den einen oder anderen Elternteil bis auf drei Wochenenden im Jahr ausgrenzt. Neuerdings sehen viele das Kindeswohl durch die Beschneidung bedroht. Der Drei-Minuten-Eingriff bei acht Tage alten Jungen wird als „Missachtung des Kindeswohls“ gegeißelt; der sei eine gravierende und vermeidbare Schmerzzufügung. Überdies dürfe die Intention der Eltern kein Kriterium sein, um die Verletzung des Kindes zu rechtfertigen.

Schmerz freilich ist nicht nur blutig, wortwörtlich zu verstehen. Der unblutige Seelenschmerz, der nicht rasch wieder verebbt, die Pein, die kleine Kinder bei Trennung von ihren Müttern/Vätern/Großmüttern/Tanten empfinden, ist auch ein wahrer Schmerz. Und er währt sehr viel länger. Er wird absichtlich zugefügt und wird dann ideologisch begründet. Wenn das Kind in der Krippe abgelegt wird, sei das gut für die Sozialisierung des Kindes, die Selbstverwirklichung der Mutter, für die ganze Gesellschaft bis zum Arbeitgeberverband.

Arbeitgeberverband? Seit wann kümmert der sich um Kinder? Nun, er kümmert sich wie eh und je um die Wirtschaft, die bekanntlich brummen soll. Zu diesem Zweck soll die Elternzeit radikal reduziert werden, auf zwölf Monate. Nur eine berufstätige Mutter ist eine gute Mutter. Da heißt es für die kleinen Krabbler und Lauflerner: raus aus dem Schutz von Mutter und Elternhaus und rein in die Wonnen der überfüllten Krippe mit zu wenig Personal. It’s the economy, stupid! rief Bill Clinton einst und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ruft mit. Eine lange Elternzeit sei schlecht für die Wiedereingliederung der Frauen in den Arbeitsmarkt.

Eltern und Erzieher wissen dagegen, wie unglücklich kleine Kinder sein können, die mit 10, 12, 18 Monaten in die Krippe gebracht werden und dort partout nicht hin wollen. Jeden Morgen erleben Mütter und Väter das gleiche Geschrei, wenn sie ihr Kind in der Krippe abliefern wollen. Das Kind klammert, brüllt, weint und will nicht weg. Das dauert nicht nur fünf Minuten. Verschwinden die Eltern dann trotzdem, sitzt manches Kleinkind wimmernd in der Ecke und sehnt die Rückkehr der Eltern herbei.

„Zwei Monate ging’s ihm gar nicht gut“, erklärt dazu eine Mutter das Unglück ihres Kindes. „Aber dann wurde es besser“, beruhigt sie sich. Zwei Monate im Leben eines einjährigen Kindes sind ein Sechstel seiner Lebenszeit. Wenn es Erwachsenen ein Sechstel ihres Lebens „nicht gut geht“, hängen sie am Prozac-Tropf. Diese intentional zugefügte Verletzung wird indes locker hingenommen und die Mütter, die sich dagegen sträuben, werden als Hausmütterchen diffamiert.

Entscheidend an der Debatte über das Betreuungsgeld ist nicht der finanzielle Aspekt. Es geht in Wahrheit nicht um die hundert Euro für ein, zwei Jahre (sie werden nur im zweiten und dritten Lebensjahr gezahlt), zumal niemand weiß, wie viele Eltern den grünen Schein in Anspruch nehmen werden. Interessant ist vielmehr der ideologische Wandel. Vor nicht einmal zehn Jahren wollten die deutschen Mütter und Väter ihre Kinder am liebsten mit sieben einschulen, weil die eine „schöne Kindheit“ haben sollten. Inzwischen können sie die Kleinsten gar nicht schnell genug loswerden.

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