Kindesmissbrauch in der Kirche : Angst vor den nackten Fakten

Das Ausmaß des Missbrauchs in der Kirche muss geklärt werden. Doch eine Untersuchung, bei der die einschlägigen Personalakten ausgewertet werden sollten, ist gescheitert. Mit dem Abbruch des Projekts begünstigt die Kirche den Verdacht, schon die Evidenz der statistischen Wahrheit berge zu viel neuen Sprengstoff.

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Aufklärung sollte es geben. Aufklärung durch Abtauchen in die Archive. So lautete das Versprechen der katholischen Kirche in Deutschland, nachdem Anfang 2010 ein Skandal nach dem anderen ans Licht gekommen war. Über Jahrzehnte hatten Mitarbeiter katholischer Institutionen Kinder und Jugendliche als Sexualobjekte missbraucht. Erst bagatellisierten die Bischöfe, dann kündigten sie kircheninternes Kümmern an. In Scharen aber flüchteten die Schafe vor den Hirten, enorm waren die Schäden auch für die Kassen der Kirchen.

Schließlich beauftragten die Bischöfe das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen und dessen Leiter Christian Pfeiffer mit einer Untersuchung. Das Institut sollte die einschlägigen Personalakten ab 1945 auswerten, den Opfern ein Minimum an Gerechtigkeit durch Wahrheit widerfahren. Jetzt scheitert das Projekt, laut Pfeiffer „an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche“. Diese erklärt, bei der „sensiblen“ Sache fehle ihr inzwischen das Vertrauen in Pfeiffers Tun.

„Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“, skandierten Studenten Ende der 1960er Jahre im Zorn auf ein autoritär strukturiertes Bildungssystem. Man muss nicht „Muff“ mit „Puff“ ersetzen, um einen vergleichbaren Slogan für die Talare der Kleriker zu finden. Ohne Zweifel ist die stillschweigende Duldung von Missbrauch und Misshandlung Jahrhunderte alt, und ohne Zweifel geht es heute um eine Form der Aufklärung, die für die Kirche erschütternder und bedrohlicher ist, als jede andere es sein könnte. Von Beginn an, auch das ist sicher, steckte das Projekt zwischen Datenschutz und Datenerhebung; so war nie vorgesehen, Klarnamen von Tätern aufzulisten. Mit dem Abbruch des Projekts begünstigt die Kirche nun unter anderem den Verdacht, schon die Evidenz der nackten, statistischen Wahrheit berge zu viel neuen Sprengstoff.

Was sie ignoriert: Die Glaubwürdigkeit der gesamten Institution kann nur noch durch absolute Souveränität und Integrität gerettet werden. Es geht darum, die beschädigten Biografien der Opfer ernster zu nehmen als Macht, den Missbrauch ernster als alten Brauch. Opfer berichten von albtraumhaften, lebenslangen psychischen und somatischen Schmerzen, Suizidversuchen, Sinn- und Vertrauensverlust. Was ihnen am heftigsten verweigert wird, ist das, was am ehesten lindernd wirkt: die Wahrheit. Daher reicht hier die Verantwortung der Institutionen über deren eigenen Rahmen hinaus.

Weitaus die meisten Sexualstraftaten an Kindern werden nach wie vor in den Familien begangen, wo der Scheinfrieden vehement gegen die störende Wahrheit verteidigt wird, wo sich selbst die Geschwister Betroffener häufig hinter die Täter stellen. Auch in den privaten Sphären aber wird ein Klima, in dem Wahrheit gedeihen kann, eher möglich, sobald Institutionen den Willen zeigen, sich nicht mehr durch vertuschende Komplizenschaft an Kindern zu vergehen. In Irland, den USA und Australien geschieht das bereits. Geht es der Kirche in Deutschland tatsächlich um die Seelen der Kinder, auch der Kinder von einst, dann hat sie keine Ausrede mehr, sich gegen die Suche nach den Fakten zu sperren.

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