Kolumne "Ein Zwischenruf zu …" : Die Mehrheit der Ostdeutschen will sich nichts vorhalten lassen

26.08.2012 00:00 Uhrvon
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats. Foto: dpa
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats. - Foto: dpa

Auch 20 Jahre nach den fremdenfeindlichen Unruhen von Rostock werden die meisten rechtsextremen Gewalttaten in Ostdeutschland erfasst. Es gibt viele, die sich couragiert zur Wehr setzen - und viele, die davon nichts hören wollen.

Die 90er Jahre waren das Jahrzehnt mörderischer Gewaltausbrüche gegen Ausländer in Deutschland – eingeprägt haben sich Orte wie Solingen, Mölln, Hoyerswerda, Rostock. Während in den alten Bundesländern kleine Nazi-Gruppen oder Einzeltäter unter Ausschluss öffentlicher Beteiligung ihre tödlichen Spuren zogen, wurden die Gewalttäter in Hoyerswerda, mehr noch in Rostock-Lichtenhagen damals von hunderten schaulustiger Bürger aus der Nachbarschaft mit Beifallsrufen angestachelt. Nächtliche Bilder vom 24. August 1992 drängen sich ins Gedächtnis, auch wenn es wehtut und heute so nicht mehr möglich wäre: viele erwartungsvoll johlende Bürger, einige können, wie kleine Kinder, vor Aufregung und Dabeiseinwollen das Wasser nicht mehr halten.

Es ist nicht nur dem 20. Jahrestag geschuldet, sich zu erinnern, es sind auch die ganz aktuellen Zahlen rechtsextremer Gewalttaten, die alarmieren. Auch im Jahr 2011 sind Einwanderer in den fünf ostdeutschen Bundesländern am stärksten bedroht, beleidigt oder angegriffen zu werden. Sachsen-Anhalt führt die Gewaltstatistik an. Während vor zwanzig Jahren in Rostock noch die große Zahl rumänischer Asylbewerber die Volksseele in Rage versetzte, kann heute von Ausländerkonzentration keine Rede sein. Ganze 45 000 der 2,3 Millionen Einwohnern in Sachsen-Anhalt sind Einwanderer, das sind 1,9 Prozent. In Sachsen sind es 2,8 Prozent. Dort und in Mecklenburg-Vorpommern sitzt die NPD seit Jahren im Landesparlament. Auch die NSU-Nazizelle aus Thüringen, die zehn Menschen ermordet hat, ist eine Frucht des fremdenfeindlichen Klimas. Nun, 23 Jahre nach dem Ende der Anpassungsdiktatur, wehren sich viele gegen die vergiftete Atmosphäre, agieren mutig und entschieden. Doch die Mehrheit bilden sie nicht. Die will sich nichts vorhalten lassen, sie empfindet Zeilen wie diese als Anprangerung und nicht als Zuspruch, dass sie selbst es ändern könnten. Warum nicht ein Zeichen setzen, das ihnen kaum einer zutraute? Die Hafenstadt bietet 100 syrischen Familien einen sicheren Platz zum Leben und Bundespräsident Gauck kann bei seiner heutigen Rede das Wunder von Rostock verkünden.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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