Kolumne "Ich habe verstanden" : Meinung wird gebrüllt, Zweifel geflüstert

Unser Autor hat ein Problem: Als Kolumnist fehlt ihm oft die eigene Meinung, sogar zu dem neuen Buch von Bettina Wulff. Das hat wahrscheinlich einen einfachen Grund.

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Kolumnist Matthias Kalle denkt nicht in Schubladen – oder doch?
Kolumnist Matthias Kalle denkt nicht in Schubladen – oder doch?Foto: Promo

Muss ich eigentlich, weil ich doch hier so eine wöchentliche Kolumne habe, jetzt, in diesem Augenblick, über Bettina Wulff schreiben? Ich meine: Wird das von mir verlangt? Oder bin ich genau der Kolumnist, von dem man erwartet, dass er jetzt, in diesem Augenblick, eben genau nicht über Bettina Wulff schreibt, weil schon jeder Schülerzeitungsredakteur ein „Stück“ über Bettina Wulff in der „Schublade“ hat? Besteht meine Aufgabe darin, über den ehemaligen Fußballer Toni Polster zu schreiben, weil kein Mensch auf die Idee käme über Toni Polster zu schreiben?

Ich habe weder eine Meinung zu Toni Polster noch habe ich eine Meinung zu Bettina Wulff. In letzter Zeit muss ich immer wieder feststellen, dass ich zu vielen Dingen gar keine Meinung habe, zum Beispiel habe ich keine Meinung dazu, wer der beste Kanzlerkandidat der SPD wäre (aber wenn ich zwei Bier und einen Schnaps trinke, dann erzähle ich immer gerne von Ibrahim Böhme, von dem ich mal eine so hohe Meinung hatte und dann stellte sich heraus, das ich mir meine Meinung auf Grund von Lug und Betrug gebildet hatte, vielleicht vermeide ich seit diesen Tagen eine Meinung zu den Dingen zu haben – weil ich nicht will, dass ich mich vertue).

Aber wenn ich dann doch mal eine Meinung habe – zum Beispiel zu Klaus Wowereit, zur Frauenquote, zur Beschneidungsdebatte oder zu Terrence Malick – dann finde ich diese Meinung so irre unoriginell, dass ich sie lieber für mich behalte. Wahrscheinlich werde ich nie in die neue Talkshow von Stefan Raab eingeladen. Die wird den Namen tragen „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“, und als Raab diese Idee in einem Interview im „Spiegel“ in dieser Woche vorstellte, da begann die Talkshow bereits: ARD-Verantwortliche nannten die Idee (Politiker diskutieren, müssen sich aber dem Zuschauervoting stellen, und wenn am Ende einer die absolute Mehrheit der Stimmen hat, gewinnt er 100.000 Euro) abwegig und vergaßen dabei offenbar, dass die ARD selbst bis 1998 eine ähnliche Talkshow im Programm hatte, nämlich „Pro und Contra“, deren einziger Unterschied darin bestand, dass man am Ende kein Geld gewinnen konnte. Auch Politiker äußerten sich zu der Idee, die meistens durchaus positiv.

Meine Meinung zu dieser Talkshow ist übrigens auch positiv, aber damit kann ich wohl nicht mal einen Blumentopf gewinnen. Am Mittwochabend saß bei Markus Lanz in der Talkshow nicht Bettina Wulff, dafür aber unter anderem Roger Willemsen und Heiner Lauterbach. Zu Beginn der Sendung ging es um den Euro, um das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, und irgendwann fragte Markus Lanz Heiner Lauterbach, ob er das alles noch verstehen würde und Lauterbach sagte: „Nein.“ Und Roger Willemsen, der bei einem seiner seltenen Fernsehauftritte wieder einmal bewies, dass er im Fernsehen zu oft fehlt, pflichtete Lauterbach in seiner klugen, leisen Art bei.

Vielleicht ist ja genau das mein Problem: Dass Meinung immer irgendwie so laut ist, sie wird immer gebrüllt, während der Zweifel eher geflüstert wird. Was Bettina Wulffs Buch angeht habe ich auch meine Zweifel.

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