• Kolumne "Ich habe verstanden": Wallraff und Schirrmacher: Warum das deutsche Feuilleton in Aufruhr ist

Kolumne "Ich habe verstanden" : Wallraff und Schirrmacher: Warum das deutsche Feuilleton in Aufruhr ist

Die deutsche Medienszene horchte diese Woche gleich zwei Mal auf: Zum einen ging es um die Vorwürfe gegen Günter Wallraff, zum anderen um die Frage, ob sich der „SZ“-Kulturchef Thomas Steinfeld mit einem Krimi an „FAZ“–Herausgeber Frank Schirrmacher gerächt hat. Und was lernen wir daraus?

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Autor Matthias Kalle geht in dieser Woche den Aufregern im deutschen Feuilleton nach.
Autor Matthias Kalle geht in dieser Woche den Aufregern im deutschen Feuilleton nach.Foto: Promo

Es ging ja in dieser Woche auch um die Frage, wer was geschrieben hat, also: welcher Autor für welches Werk verantwortlich ist. Es ging also um zwei Fälle, die im Prinzip unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber doch zusammengehören.

Es ging zum einen um Günter Wallraff. Gegen den Mann, der mit seiner Arbeit dieses Land geprägt hat, es möglicherweise zu einem besseren Land gemacht, der seine Leser ein bisschen schlauer gemacht, mit Sicherheit sensibilisiert hat für Missstände und Ungerechtigkeiten – gegen diesen Mann jedenfalls gibt es Vorwürfe, der „Spiegel“ hat sie zusammengetragen, einige sind so albern, das ich sie nicht noch einmal aufschreiben will, andere haben mit angeblicher Beihilfe zum Sozialbetrug zu tun, mit angeblicher Steuerhinterziehung und Prozessbetrug. Der Vorwurf, um den es hier gehen soll, lautet verkürzt: Wallraff sei nicht Autor seiner Texte, er habe mindestens Zuarbeiter, so genannte Ghostwriter, die einem Leben im Schatten des großen Wallraff führen.

Ich will und kann mich zu diesen Vorwürfen nicht im Detail äußern. Wallraff schrieb in den vergangenen Jahren hauptsächlich für das ZEITmagazin, dessen stellvertretender Chefredakteur ich bin. Meine Kollegen Annabel Wahba und Matthias Stolz haben für die aktuelle Ausgabe der „Zeit“ einen Text geschrieben, der sich – wie Hans Leyendecker am Freitag in der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt „sauber“ mit den Vorwürfen gegen Wallraff beschäftigt. Etwas, nun ja, unsauber, geht es im Moment woanders zu. In den kommenden Tagen erscheint im Fischer-Verlag ein Krimi. Er heißt „Der Sturm“, der Autor ist laut Buchcover einer gewisser Per Johansson, tatsächlich handelt es sich aber um ein Pseudonym, hinter dem sich ein Autoren-Duo versteckt. Das gibt es manchmal. Das ist auch nicht schlimm. Allerdings ist Thomas Steinfeld die eine Hälfte. Steinfeld ist der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“, bis 2001 war er Literaturchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das gibt es manchmal. Das ist auch nicht schlimm. In dem Buch „Der Sturm“ wird eine Figur umgebracht, diese Figur soll Züge von Frank Schirrmacher tragen, einem der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in dieser Funktion zuständig für das Feuilleton, wenn man so will, war Schirrmacher mal Steinfelds Chef. So. Und aufgrund dieses ganzen Kuddelmuddels war aber mal schön was los im deutschen Feuilleton – man mag sich gar nicht vorstellen, was im deutschen Feuilleton los sein könnte, wenn mal wirklich was passiert. Den Anfang machte die „Welt“, und am interessantesten ist eigentlich die Frage, wer den Autor des Textes in der „Welt“ überhaupt auf die Idee gebracht hat, sich einen Schwedenkrimi eines unbekannten Autors mal so genau anzuschauen.

Die Frage hat sich aber bisher niemand gestellt, im Moment geht es hauptsächlich darum, wer hier eigentlich was über verdammt noch mal wen schreibt – und vor allem: warum? Finden Sie jetzt nicht soooo interessant? Nee? Ich auch nicht. Interessanter, schlimmer, scheint mir der Versuch die Lebensleistung eines Mannes in Frage zu stellen mit dem Vorwurf, er würde seine Texte nicht selber schreiben, beziehungsweise nicht allein.

Es gibt einen Satz des großen Karl Kraus, dem unbedingt zuzustimmen ist: „Eine Geschichte ist so lange gut, bis man weiß, wer sie geschrieben hat.“ Ich schreibe diese Kolumne – zum Ärger einiger Leser – ganz alleine. Niemand hilft mir dabei. Manchmal ist das nicht schön.

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