Kolumne "Leichts Sinn" : Schavans freud'sche Schwäche

Annette Schavan hat Freud nicht gelesen und in ihrer Doktorarbeit dennoch über sein Werk geschrieben. Trotzdem kann von Täuschung oder Fälschung keine Rede sein. Höchstens von der Faulheit der Promovierenden.

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Annette Schavan soll in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben.
Annette Schavan soll in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben.Foto: dapd

Selbst Sprecher der SPD fordern, der Bildungsministerin Annette Schavan stehe zunächst einmal ein korrektes Verfahren bei der Überprüfung ihrer Dissertation zu. Doch der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann weiß schon jetzt, dass die Ministerin unheilbar beschädigt ist und dass sie am besten zurückzutreten hätte. So viel zur politischen Kultur …

Halten wir uns stattdessen an das, was im Internet an Textvergleichen bisher unbestritten einander gegenübergestellt wurde. Dabei ergibt sich folgende Schichtung. Wie eigentlich in jeder wissenschaftlichen Arbeit muss der Autor erst einmal in historischer Textarchäologie ausbreiten, was die alten Geistesgrößen zum Umfeld des Themas jemals geschrieben haben. Bei der Pädagogik fängt das ungefähr bei Plato an und geht so weiter über Thomas von Aquin, Kant und natürlich auch Sigmund Freud. Dieses rekapitulierende Präludium ist eine mühselige Archivarbeit, hilft freilich beim Schutz vor (schein-)originellen (Eigen-)Gedanken und dient natürlich auch der Selbstschulung. Man zeigt als Promovent seine Arbeits- und Bildungslust an, doch diese Mühe bringt die Sache eigentlich noch kein Stück weiter. Abschließend fängt man an, seine eigenen Gedanken zu entwickeln – und auf die kommt es für die Bewertung der eigenen Arbeit und Leistung an. Aus der Vergangenheit kompilieren kann schließlich jeder, dafür bedarf es keiner besonderen Originalität.

Nun schaut man sich an, wie die damals 25-jährige Annette Schavan zum Beispiel die Gedanken Sigmund Freuds referiert hat. Die offenkundige und, wenn man streng sein will, tadelnswerte Schwäche dieses Abschnitts liegt für jedermann ersichtlich darin, dass sie Freud nicht aus dem Original referiert hat, sondern aus der Sekundärliteratur, aus einem ihr wichtigen Autor, der immerhin, wenn auch nicht in jedem Satz, stets erkennbar bleibt. Eindrucksvoller wäre es natürlich, wenn die Promovendin auch noch den ganzen Freud im Original durchgeackert hätte, schon um zu prüfen, ob ihr Referenzautor ihn richtig verstanden hat. Doch Freud im Original vor sich gehabt zu haben, gab sie nicht vor; sonst hätten sich ja entsprechende Fußnoten gezeigt. Ob das im Kontext ihrer Arbeit vonnöten gewesen wäre, konnten und mussten damals die Gutachter bewerten.

Diese Prominenten wurden beim Abschreiben erwischt
Am 5. Februar 2013 verlor Annette Schavan, damals noch Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel. Gegen das Plagiatsverfahren an der Uni Düsseldorf klagte sie vor dem Verwaltungsgericht. Unterliegt sie, will die Freie Universität Berlin auch über ihre Honorarprofessur entscheiden.Weitere Bilder anzeigen
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06.02.2013 09:20Am 5. Februar 2013 verlor Annette Schavan, damals noch Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel. Gegen das Plagiatsverfahren an...

Jedenfalls konnten sie seinerzeit sofort erkennen, dass es sich bei diesen Passagen um Paraphrasen von Sekundärliteratur handeln musste – und sie haben es der Doktorandin nicht vorgehalten. Eine Täuschung – oder gar Fälschung – konnte insofern auch gar nicht vorliegen. Hätte die Arbeit damals ein summa cum laude verdienen sollen, was sie nicht getan hat, hätte man (damals!) eben eine Originalrezeption von Freud nachverlangen können; hat man aber nicht getan. Basta! Was nun aber die daran anschließende eigene Gedankenproduktion der Doktorandin Schavan in dieser Arbeit angeht, hat ihr noch niemand vorgeworfen, sie habe diese bei anderen abgeschrieben, ja gestohlen.

Bisher ist öffentlich also nichts zu erkennen, was an dieser Arbeit außer der genannten konstitutiven Schwäche zu bemäkeln wäre, wenn man die Anforderung an eine solche Dissertation wirklich so hoch setzen will, dass ein normaler Doktorand den ganzen Plato, Thomas von Aquin, Kant und Freud – et tutti quanti – aus den Originalwerken voll drauf hat.

Nun also geht es darum, zu einem geordneten, korrekten Nachprüfungsverfahren dieser vor 32 Jahren vorgelegten Doktorarbeit zurückzukehren, soweit dies über all den Indiskretionen und Vorverurteilungen noch möglich ist. Dabei sollte man berücksichtigen, dass selbst ein Totschlag verjährt, und zwar nach 20 Jahren. Alle anderen starken Sprüche waren bisher nur Totschlagsargumente.

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