Kolumne „Meine Heimat“ : Für die Rente müssen alle ran

Nach der Riester- nun die Zuschussrente. Dass niemand aufschreit, in Anbetracht dessen, was uns da an blanker Not droht, hat meinen Glauben an mein Land zutiefst erschüttert.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Träume ich? Definitiv nicht. Hellwach wurde ich letzte Woche, als mir Balkendiagramme mitteilten, dass ich das statistisch letzte Drittel meines Lebens in Armut verbringen werde. Bisher war es ein Trost, dass die geburtenstarken Jahrgänge vor mir vergreisen, und ich in der Masse der Alten, die unsere Republik mit ihren Rollatoren zustellen werden, einen Tick später hinterherhumpeln werde. Aber die Vorstellung, dass ich es gerade einmal schaffen werde, aus eigener Kraft in der Altersversorgung Hartz IV-Niveau zu erreichen, hat mir einen Schlag in die Magengrube versetzt.

Die Rente ist sicher, höre ich Norbert Blüm noch sagen. Recht hatte er, im Prinzip. Die Rentenversicherung, die auszahlt, was sie an Beiträgen einnimmt, funktioniert. Das Niveau dessen, was man erwarten kann, wurde allerdings so abgesenkt, dass weniger herauskommt, als man zum Leben braucht. Stimmt, wir sollen ja auch privat vorsorgen. Ein ehemaliger Gewerkschaftler namens Walter Riester hat der Versicherungsbranche Provisionen und Boni beschert, indem er Staatsgelder als Zuschüsse für die private Altersvorsorge ermöglichte. Dass nur die, die genug haben, da mitmachen können und die, die wenig haben, kaum riestern können, steht auf einem anderen Blatt. Nun kommt Frau von der Leyen mit einem Zuschussrentenmodell. Wenn ich alles richtig mache, 35 Jahre in die Rentenkasse einzahle, privat vorsorge, dann hilft mir die Zuschussrente über die Grundsicherung so eben mal hinweg.

Ein paar dieser Clearasil-Buben von der FDP und der JU schrien auch gleich auf, von wegen Zusatzbelastungen für die junge Generation. Diese Pensionsanwärter können sich selbst ja nicht gemeint haben. Dass niemand sonst aufschreit, in Anbetracht dessen, was uns da an blanker Not droht, hat meinen Glauben an mein Land zutiefst erschüttert.

Die Vermögensteuer wurde ausgesetzt, die Erbschaftsteuer geschliffen, die Justizministerin will die Verfolgung von Steuerflüchtlingen durch Ankauf von Daten-CDs gesetzlich unterbinden, gesetzliche Mindestlöhne gibt es nicht, Leiharbeit und Werkverträge unterlaufen die Sozialversicherung. Wir haben unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt auf dem Rücken der Beschäftigten erkauft. Und nun wundern wir uns, dass nichts mehr in die Versicherung reinkommt?

Wie wäre es eigentlich, wenn alle in die Rentenversicherung einzahlen müssten? Damit würde den Menschen eine Rente jenseits des Existenzminimums ermöglicht. Und nach oben könnte man die Beiträge und Ansprüche ja deckeln. Geht nicht? Doch, die Schweiz macht das so. Übrigens mit dem Argument: Jeder darf Millionär sein, aber für die Rente müssen alle ran.

Aber von dem Modell sind wir weit entfernt. Da bleibt mir als Alternative wohl nur die türkische Variante. Es müssen dringend ein paar neue Kinder her, die mich im Alter versorgen. Oder wie mein Vater sagen würde: „Testi kirilsa da kulpu elde kalir“ – Wenn der Tonkrug zerbricht, bleibt einem immer noch der Griff in der Hand.

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