Kolumne: Meine Heimat : Für eine neue Ostpolitik

Ja, unsere Standards von Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaat sind in der Türkei noch nicht erreicht und der Ministerpräsident bewegt sich auf dem politischen Parkett wenig geschmeidig. Trotzdem: Wir brauchen die Türkei genauso, wie sie uns braucht.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

War das ein Auflauf. Menschenmassen, Blitzlichtgewitter, Anzüge, Abendkleider, Gedränge, und mittendrin ein winkender Mann, der alle Blicke auf sich zog. Nein, ich meine nicht die Premiere des neuen James Bond, ich meine die Eröffnung der neuen türkischen Botschaft in Berlin. Ich bin weiß Gott kein übertriebener Fan der Regierung Erdogan. Mich befremdet die Art, wie er sich alles andere als geschmeidig auf dem politischen Parkett bewegt. Minderheiten und ihre Bedürfnisse sind in der Türkei noch nicht angekommen, auch unsere Standards von Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaat wurden noch nicht erreicht. Trotzdem ist die Türkei das spannendste Land in Europa.

Erdogan ist seit Jahren der erste Ministerpräsident, der in der Türkei durchregiert. Er hat Reformen durchgesetzt und das Land modernisiert. Man muss feststellen, dass die Türkei wirtschaftlich brummt, gesellschaftlich im Aufbruch und politisch brisant ist, weil ein Schwellenland plötzlich lernen muss, mit seiner ständig wachsenden Bedeutung umzugehen. Ich will mich hier gar nicht über die Details eines möglichen EU-Beitritts auslassen. Grundsätzlich ist doch alles klar: Es gibt die Kopenhagener Kriterien, die genau festlegen, was ein Land für Bedingungen zu erfüllen hat, um in die Europäische Union aufgenommen zu werden. Es gibt Fortschritte der Türkei, aber mitnichten schon Jubel an der Zielmarke. Vieles ist noch zu tun. Übrigens ganz ähnlich wie bei Bulgarien oder Rumänien. Da hat man aber zwei Augen zugedrückt, vermutlich, weil diese Länder winzig sind im Vergleich zum Riesenbrocken Türkei.

Ich will auch keine Diskussion vom Zaun brechen, ob die EU nur als exklusiver Klub des christlichen Abendlandes angelegt ist und ob unser Geschäftsmodell sich nicht gerade dadurch auszeichnet, dass die Trennung von Kirche und Staat, Gewaltenteilung und Menschenrechte unser Alleinstellungsmerkmal sind.

Besinnen wir uns auf unsere Werte der Aufklärung und zeigen, wie mühsam, beschwerlich, aber erfolgreich Demokratie, Sozialstaat, Freiheit und Teilhabe an der Gesellschaft sein können. Dieses Modell kann ansteckend sein, für China, Indien, ganz Asien. Probiert hat das schon einmal einer. Da hieß das Ganze „Wandel durch Annäherung“. Es begann mit der neuen Ostpolitik und mündete in die Wiedervereinigung Deutschlands und das Ende des Kalten Krieges.

Auch wenn viele Hindernisse im Weg stehen, es ist im deutschen und europäischen Interesse, die Türkei in die EU zu integrieren und konsequent am Haus Europa weiterzubauen. Es hätte etwas Prickelndes, mit der Idee der Gemeinschaft den Frieden in der Welt zu sichern, statt über Konflikte Verlierer zu produzieren. Wir brauchen die Türkei so sehr, wie sie uns braucht. Das anzuerkennen, wäre für den Anfang ein großer Schritt.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Altin kapilinin agac kapiliya isi düser“ – Der mit der Goldtür braucht irgendwann auch mal die Hilfe von dem mit der Holztür.

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