Kolumne "Meine Heimat" : Wenn einer isst und der andere zuschaut

Die Mittelschicht schrumpft. Und der Rest verteidigt seine Habe mit den Ellenbogen. Unsere Autorin plädiert für mehr Gemeinsinn. Jawohl, soviel Pathos muss auch einmal sein dürfen.

von
Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Wahlen werden in der Mitte gewonnen, hört man immer wieder. Mitte, was für ein komisches Wort. Niemand kann den Begriff so recht erklären, jeder fühlt sich aber irgendwie zugehörig. Zur Mittelschicht zählt man in Deutschland bei einem jährlichen Durchschnittsnettoeinkommen von 11.200 bis 24.000 Euro. So mittig wollte ich eigentlich nicht sein und reibe mir die Augen. Wer also noch nicht ganz unten ist und vom Existenzminimum lebt, aber es auch nicht bis ganz nach oben geschafft hat, wo man seinen Freunden Urlaube spendiert, ist die Mitte. Statistisch gesehen ist es der Teil der Bevölkerung, der von 60 Prozent auf 54 Prozent geschrumpft ist.

Eigentlich wäre es gerade die perfekte Zeit, eine Revolution aus der Mitte heraus anzuzetteln, um gegen soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen. So viel Druck kommt bei uns aber nicht zustande. Wir haben Wutbürger, die gegen den Abriss des Stuttgarter Hauptbahnhofes protestieren, Eltern, die ihren letzten Euro zusammenkratzen, damit der Nachwuchs an das rettende Ufer des Privatgymnasiums kann, und wenn einem der Wohlstand schon aus den Ohren tropft, ersetzt man in seinen Immobilien auch die letzte Standardfliese gegen Naturstein, um die Miete in die Höhe treiben zu können.

Früher bedeutete Mitte etwas, in das man aufstieg, das aufgeschlossen und zukunftsorientiert war. Heute ist Mitte der kollektive Kampf gegen den Abstieg. Das Jobwunder Deutschland ist die Rosskur der knallharten Wettbewerbsfähigkeit auf dem Rücken der Beschäftigten. Das führt zwangsläufig zu einer Verrohung unseres gesellschaftlichen Klimas. Ist es Ihnen schon aufgefallen, dass es in den Talkshows von Montag bis Sonntag ausschließlich nur noch um Anti-Themen geht? Gegen die Krise, gegen die Griechen, gegen den Euro. In den Debatten geht es zu wie beim Austeilen von Schwimmwesten. Keiner traut sich aber zu fragen, warum denn das Schiff überhaupt leck geschlagen ist. Man ist so konditioniert auf die Angst, etwas verlieren zu können, dass man übersieht, wie andere ungeniert abgreifen.

Zugegeben, der Pessimismus berührt meinen Gefühlshaushalt, es fällt nicht immer leicht, mich nicht anstecken zu lassen. Lebensqualität hat natürlich etwas mit dem Einkommen zu tun und den Bedingungen, unter denen man es erzielt. Aber ich will raus aus der Ecke der eigenen Befindlichkeit. Gesellschaftliche Mitte hieß früher auch, seinen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Dafür, dass die unten nicht untergehen und mitgenommen werden und die oben keinen Freifahrschein zur Selbstbedienung bekommen und ihren Beitrag lediglich als Charity-Gala inszenieren. Oder, um es ein wenig nach Sozialforschung klingen zu lassen: Verantwortung für die Gemeinschaft und Engagement für das Gemeinwohl. Dann darf es auch ein bisschen weniger sein, wenn ich dafür weiß, dass es in meinem Land gerecht zugeht.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Biri yer, biri bakar, kiyamet ondan kopar“ – wenn einer isst, und der andere schaut zu, geht die Welt zugrunde.

Hatice Akyün lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin.

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