Kolumne „Meine Heimat“ : Zum Glück wollen wir weniger

Berliner Bürger sind angeblich die unglücklichsten in Deutschland. Vielleicht sind wir nicht die Glücklichsten, aber die Gelassensten: Wir kommen mit dem zurecht, was wir haben.

von
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Die Post will herausgefunden haben, wo die glücklichsten Menschen in Deutschland leben. Mit der Post verbinde ich so ziemlich alles, nur nicht das Glück. Sicher meint sie nicht, dass man sein Glück kaum fassen kann, wenn man in Berlin einmal eine Filiale findet, in der die Schlange nicht die Länge der Mittagspause hat.

Laut der Studie sollen Hamburger mit den Düsseldorfern und den Dresdnern die glücklichsten Deutschen sein. In Berlin, Köln und Essen leben angeblich die unglücklichsten. Nun ja, der Hamburger ist ja schon glücklich, wenn man ihn in einfach nur in Ruhe lässt, während dem Berliner zu seinem Glück etwas fehlen würde, könnte er nicht den ganzen Tag herumnörgeln.

Während ich also vor mich hinbügele und über mein eigenes Glück nachdenke, läuft im Fernseher die Ziehung der Lottozahlen. Mitgetippt habe ich nicht, ich kontrolliere nur gerne, ob meine Lieblingszahlen – Geburtstag meiner Tochter, meiner Mutter und meines Vaters – dabei gewesen wären. Bisher war das noch nie der Fall. Wie gut also, dass ich mein Glück erst gar nicht herausgefordert habe. Eine andere Studie sagt, dass sich ab 60 000 Euro Jahreseinkommen das Glück nicht weiter nach oben bewege. Kaum zu glauben, weshalb ich mich hiermit als Versuchsperson zur Verfügung stellen möchte, um das Gegenteil zu beweisen. Gerne lege ich die Entwicklung meines persönlichen Glücksempfindens, losgelöst von Erwerbszwang, für Forschungszwecke offen.

Glück ist eine gute Währung mit einem schlechten Wechselkurs. Man gibt alles, aber die Glücksmomente sind rar gesät. Da hilft auch die Erkenntnis nicht, dass Glück eigentlich das Gefühl ist, selbst etwas erreicht zu haben. Selbstbestimmt statt fremdbestimmt leben, mehr Gelegenheiten als Notwendigkeiten haben, überrascht und gebraucht werden, angenommen zu werden und Dinge zu entdecken, die anderen verschlossen bleiben. Und das alles soll in Hamburg gehen, in Berlin aber nicht? Vielleicht sind wir Berliner nicht die Glücklichsten, aber die Gelassensten. Wir schaffen es locker mit nichts über die Runden. Und die, die uns regieren, haben Glück, dass wir unsere Wünsche herunterschrauben und mit dem zurechtkommen, was wir haben.

Wir Ex-Türken kennen den Begriff Glück übrigens nicht. Mutluluk kommt dem zwar nah, trifft es aber nicht ganz. Wir sprechen lieber von Kismet. Es kommt immer dann ins Spiel, wenn wir etwas nicht erklären können. Eine höhere Macht, die ohne menschliches Zutun unser Leben grundlegend beeinflusst. Über Kismet wird deshalb auch nicht diskutiert. Wahrscheinlich sind Türken einfach zu pragmatisch, als dass sie sich mit einem Versprechen auf das Glück einwickeln lassen würden. Mein Glück ist übrigens, was ich daraus mache. Oder wie mein Vater sagen würde: „Talihsiz haciyi deve üstünde yilan sokar“ – den glücklosen Pilger beißt die Schlange auch auf dem Kamel.

Autor

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben