Kolumne "Was Wissen schafft" : Bill-Gates-Bananen sind gut für Sie!

Gentechnik kann helfen, Vitaminmangel in Afrika und Südostasien zu lindern. Wenn da nicht die Anti-Gentechnik-Lobby wäre, meint unser Autor.

Hartmut Wewetzer
Viel Fett, wenig Carotine. Bill Gates will die Banane verändern.
Viel Fett, wenig Carotine. Bill Gates will die Banane verändern.Foto: picture alliance / dpa

Es ist ein Anblick wie aus einem billig gemachten Gruselfilm. Dort, wo im Auge normalerweise Iris und Pupille sind, haben diese Kinder milchigweißes, geschwollenes Gewebe. Ursache der Erblindung im frühen Kindesalter ist Mangel an Vitamin A. Der führt neben Nachtblindheit und Netzhautstörungen dazu, dass die Tränendrüsen, die den Augapfel befeuchten sollen, nicht richtig funktionieren. Die Oberfläche des Auges trocknet aus und schmerzt, es kommt zu Infektionen, Geschwüren und Gewebewucherungen. Die Hornhaut, das Fenster des Auges, trübt sich mehr und mehr ein. Bei fortgeschrittenem Leiden ist kaum Hilfe möglich, das Augenlicht verloren.

In unseren Breiten ist Vitamin- A-Mangel so gut wie unbekannt. Aber in ärmeren Regionen Afrikas und Südostasiens ist er nach wie vor ein großes Problem. Traditionelle Nahrungsmittel, etwa Reis oder Bananen, enthalten zu wenig Vitamin A. Am härtesten trifft es kleine Kinder und Schwangere. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden eine Viertelmilliarde Vorschulkinder unter Vitamin-A-Mangel, zwischen 250 000 und 500 000 Kinder erblinden jedes Jahr, die Hälfte von ihnen stirbt innerhalb eines Jahres nach der Erblindung.

Der "goldene Reis" hilft im Kampf gegen Vitamin-Mangel

Beim Kampf gegen das Vitamin-Defizit gibt es Erfolge. Die WHO propagiert Stillen: Muttermilch ist eine gute Quelle für Vitamin A. Andere Möglichkeiten sind Vitaminkapseln und das Anreichern von Lebensmitteln. Eine billigere und dauerhaftere Lösung wäre der Anbau von vitaminhaltigen Pflanzen. Den Weg dazu eröffneten die deutschen Biologen Ingo Potrykus und Peter Beyer. Vor mehr als 20 Jahren begannen sie mithilfe der Gentechnik Reis zu züchten, der Betacarotin (Provitamin A) enthält, die Vorstufe von Vitamin A. Rund zehn Jahre brauchten Beyer und Potrykus, um die wegen ihrer Farbe als „goldener Reis“ bezeichnete Pflanze zu erzeugen. Aber dieser Durchbruch war nur der Anfang. Wer glaubte, dass der wissenschaftliche Geniestreich öffentlich gefeiert würde, sah sich getäuscht. Hohn und Hass schlug den Forschern vonseiten der Anti-Gentechnik-Lobby entgegen.

Greenpeace und Co. sahen in dem Reis ein trojanisches Pferd, das die öffentliche Akzeptanz der grünen Gentechnik ermöglichen sollte. In der Tat passt der Vitamin-Reis nicht ins Klischee, nach dem böse Saatgutkonzerne die Weltherrschaft auf dem Acker anstreben. Der goldene Reis wird vom nicht kommerziellen Internationalen Reisforschungsinstitut IRRI entwickelt, nicht von einem Saatgutunternehmen. Goldene Profite wird er nicht bringen. Die Greenpeace-Kampagne gegen den Reis erwies sich dennoch als äußerst erfolgreich. Es gelang den Gegnern, den Anbau der Pflanze in Ländern wie den Philippinen an die zwölf Jahre hinauszuzögern. Zwölf Jahre, in denen Millionen Kinder am Vitaminmangel starben. Als der Versuchsanbau auf den Philippinen vor einem Jahr begann, traten aus der Stadt herangekarrte Anti-Gentechnik- Aktivisten die Pflanzen nieder. Ein rabiates Erfolgsrezept „made in Germany“, wo dem Versuchsanbau gentechnisch veränderter Pflanzen auf diese Art der Garaus gemacht wurde.

Die Kraft, die das Gute will und das Böse schafft

Für die Feldzerstörer lässt sich ein Zitat aus Goethes Faust abwandeln: Sie sind ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Organisationen wie Greenpeace können sich hierzulande öffentlicher Unterstützung sicher sein. Mehr noch: Die deutsche Angst vor „Gen-Pflanzen“ ist ein Exportschlager, das Misstrauen wächst weltweit, auch und gerade in Asien und Afrika. Und das, obwohl sich in 25 Jahren Anbau keine Befürchtung bewahrheitet hat. Mithilfe der Gentechnik gezüchtete Pflanzen sind nicht riskanter für Umwelt und Gesundheit als konventionell erzeugte. Ob sich diese Erkenntnis bei den Reiszertramplern und ihren Vordenkern im Westen durchsetzt, ist jedoch äußerst unwahrscheinlich.

Aber es gibt auch positive Entwicklungen. So wurde dieser Tage eine Betacarotin-Banane zu Tests am Menschen zugelassen. Der goldene Reis hat eine Gefährtin bekommen. Entwickelt in Australien mithilfe der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, könnte die Banane von 2020 an in Ostafrika angepflanzt werden, um Vitamin-A- Mangel zu lindern. Vorausgesetzt, die Vernunft siegt. Immerhin, selbst Papst Franziskus hat dem goldenen Reis 2013 seinen Segen erteilt.

Wenn das kein gutes Omen ist.

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