Konflikt um religiöses Ritual : Beschneidung - ein unbrauchbarer Brauch

Die Strafanzeige gegen einen jüdischen Beschneider zeigt, dass die Konflikte um das Ritual nicht beigelegt sind. Doch ein echter Dialog darum hat noch gar nicht begonnen - obwohl er mit dem neuen Erlaubnisgesetz möglich geworden ist.

von

Als noch die Debatte um die Beschneidung das Land teilte wie Moses das Meer, fiel neben der Heftigkeit, mit der sie geführt wurde, die Geschwindigkeit auf, mit der man sie zur Ruhe brachte. Es gab ein Gesetz, danach ruhte still die See. Wenn sich jeder fundamentale Konflikt so erledigen ließe, dann bitte.

Doch so einfach kann, so einfach darf es nicht sein. Denn zum einen muss das Gesetz erweisen, wie weit es in der Praxis reicht. Und zum anderen bleibt die Spannungslage zwischen Elternrecht, Religion und Unversehrtheit des Kindes unaufgelöst. Es ist eben kein Konflikt, der mit einem schlichten Erlass des Gesetzgebers aus der Welt zu räumen ist, so demokratisch der sei.

Anlass für erneute Diskussionen wird nicht nur das sich bald jährende Urteil des Kölner Landgerichts sein, das den Eingriff als strafbare Körperverletzung stigmatisierte; nun liegt der Berliner Staatsanwaltschaft auch noch eine Anzeige vor, weil ein israelischer Beschneider in einer Synagoge mit dem Mund das Blut vom Penis des Kindes sog. Ein orthodoxer Brauch, der selten ist; in der Debatte damals hieß es, in Deutschland gebe es ihn nicht. Und nun das.

Die Unduldsamkeit, mit der Kritiker gegen das Ritual wetterten, befremdete, zumal die strategisch gesteuerte Auslösung der Debatte über einige Medien Züge einer Kampagne trug. Die Argumente allerdings mit Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit abzutun, überzeugte ebenso wenig. Das Gesetz sollte den Dialog um den Ritus nicht beenden; im Gegenteil, er ist ermöglicht worden, weil die Juden und Muslime nun nicht mehr sogleich den Staatsanwalt zu fürchten brauchen.

Mit seiner Botschaft der Toleranz hat der Gesetzgeber jedoch zugleich auch die Regeln verklart, nach denen der Eingriff vorzunehmen ist. Speichel an der Wunde, wie er in früheren Jahrhunderten noch einen heilenden Sinn gehabt haben mag, gehört nicht dazu. Auch über die richtige Schmerzbekämpfung wird noch zu reden sein. Nach fachlichen Standards kommt man um eine lokal anästhetisierende Spritze nur schwer herum.

Aus Gründen religiöser Tradition und Praxis fällt es Muslimen leichter, sich damit anzufreunden. Dass auch die Juden guten Willens sind, zeigt die Ankündigung, die Beschneider, sogenannte Mohalim, nach „hohen Standards“ zertifizieren zu wollen. Nach allem, was hier los war, hätte das auch dem Rabbiner aus Berlin klar sein müssen, als er im März den israelischen Mohel zur Beschneidung seines Sohnes holte. Stattdessen wurde, unter den Augen willkommener Presse, am alten Ritus festgehalten. Auch wenn der Schnitt nach jüdischem Glauben unverhandelbar ist, es hätte bessere Signale gegeben, um zu zeigen, dass ein prinzipieller Konflikt als solcher erkannt worden ist. Denn dass ein Mohel wegen seines Tuns in Deutschland angeklagt wird, möchte man nicht erleben müssen.

51 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben