Konrad Adenauer : Eine Stimme mehr? Das reicht!

Wie Konrad Adenauer in seiner Wohnung in Rhöndorf eine große Koalition verhinderte – und vor 60 Jahren Kanzler wurde.

Franz Alt
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Illustration: Klaus Stuttmann

Et hätt noch immer jot jejange“, sagte Konrad Adenauer, als er am 15. September 1949 mit einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen, zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt war. Am 14. August 1949 war die erste Bundestagswahl. Schon einmal sah es in einem Wahlkampf gar nicht nach einer großen Koalition aus – und sie wurde doch beinahe Wirklichkeit, vor fast genau 60 Jahren.

Konrad Adenauer oder Kurt Schumacher? CDU/CSU oder SPD? Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Kleine bürgerliche Koalition oder Große Mitte-Links-Koalition? Das waren die entscheidenden und politisch erregenden Fragen bei der ersten Bundestagswahl und der folgenden Regierungsbildung. 25 Millionen Wähler in Westdeutschland – das war nach 1945 die amerikanische, britische und französische Besatzungszone – legten damals die Fundamente für das heute noch funktionierende Parteiensystem. Darauf baute Adenauer die erste seiner vier Regierungen in Bonn.

Die Widerstände gegen seine bürgerliche Koalition – hauptsächlich in seiner eigenen Partei – waren freilich sehr groß. Alle CDU/CSU-Ministerpräsidenten waren für eine große Koalition. Dennoch wurde Konrad Adenauer Kanzler, mit einer Stimme Mehrheit. Die erste Regierungsbildung war schon deshalb schwierig, weil im ersten Deutschen Bundestag neun Fraktionen, ein Abgeordneter der Südschleswigschen Wählervereinigung und drei Parteilose vertreten waren. Kaum jemand kann sich heute so ein buntes Bundesparlament vorstellen.

Im Jahr 1949 fand also die entscheidende Weichenstellung für die Geschichte der Bundesrepublik statt. Die erste Bundestagswahl und die erste demokratische Regierungsbildung nach der Nazi-Barbarei waren die Reifeprüfungen der westdeutschen Nachkriegsdemokratie. Es begann das schwarz-rot-goldene Zeitalter der Bundesrepublik exakt nach den neuen Landesfarben. Das waren zunächst die schwarzen Jahrzehnte unter Adenauer und Ludwig Erhard, gefolgt von der roten Ära unter Willy Brandt und Helmut Schmidt bis schließlich zum Gold der Wiedervereinigung unter Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel.

Die ersten Nachkriegsjahre waren in ganz Deutschland geprägt von Elend und Leid, von Trümmern und Hunger und außenpolitisch vom Beginn das Kalten Krieges und der deutschen Teilung. Statt Vergangenheitsbewältigung galt in Westdeutschland die Ideologie des primitiven Antikommunismus und in der DDR die Ideologie des brutalen Kommunismus.

Die Chancen der SPD, 1949 in Westdeutschland stärkste Partei zu werden, standen gut. Noch am Wahltag hatte die „Neue Zürcher Zeitung“ die SPD als Sieger prognostiziert. Doch nach einem harten Wahlkampf ging Adenauers Union knapp als erste durchs Ziel. Heute, 60 Jahre später, mutet das 49er Wahlergebnis überraschend an. Die Fünf-Prozent-Hürde gab es noch nicht.

CDU/CSU kamen auf 31,0 Prozent; die SPD auf 29,2; FDP/DVP 11,9; KPD 5,7; Bayern-Partei 4,2; Deutsche Partei 4,0; Zentrum 3,1; Wirtschaftliche Aufbauvereinigung 2,9; Deutsche Rechtspartei 1,8; Südschleswigsche Wählervereinigung 0,3; Parteilose 4,8.

Mit diesem Ergebnis war eine große Koalition ebenso möglich wie eine kleine. Sozialdemokraten und Kommunisten (KPD) hatten den Wahlkampf innenpolitisch überwiegend gegen die Marktwirtschaft des damaligen Wirtschaftsprofessors Ludwig Erhard geführt. In einem Wahlaufruf hatte die SPD gegen die „Lüge vom Segen der freien Marktwirtschaft“ polemisiert. Die CDU hingegen hatte in ihren Düsseldorfer Leitsätzen Abschied genommen vom ursprünglich christlich-sozialistisch gefärbten Ahlener Programm und verkündet: „Die soziale Marktwirtschaft steht in scharfem Gegensatz zum System der Planwirtschaft, die wir ablehnen“, aber vorsichtshalber hinzugefügt: „Die soziale Marktwirtschaft steht auch im Gegensatz zur sogenannten freien Marktwirtschaft liberalistischer Prägung.“

Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Das war die entscheidende ordnungspolitische Frage im ersten Bundestagswahlkampf. Die Wähler entschieden sich mehrheitlich für Parteien, die marktwirtschaftlich orientiert waren.

Ludwig Erhard – ursprünglich von der FDP präsentiert und auf Empfehlung des Liberalen Theodor Heuß in die CDU eingetretener Direktor für Wirtschaft im Frankfurter Wirtschaftsrat – hatte die Theorie der sozialen Marktwirtschaft in der Praxis erfolgreich anzuwenden verstanden. Erhards Politik hatte der deutschen Wirtschaft bis zum Sommer 1949 einen enormen Aufschwung verschafft. Die Industrieproduktion hatte im August 1949 schon fast wieder den Stand von 1936 erreicht. Doch der „kleine Mann“, dessen Führer Schumacher zu sein vorgab, hatte davon wenig zu spüren bekommen. Hinzu kam, dass die Arbeitslosenziffer im Zeitraum eines Jahres vor den Wahlen von 450 000 auf 1,3 Millionen gestiegen war. Das konnte sich nicht günstig für die im Wirtschaftsrat „regierende“ kleine Koalition aus CDU/CSU und FDP auswirken.

Kurt Schumacher nannte Erhard einen „pausbäckigen Agitator fremder Erfolge“, der mit „außerordentlicher Sparsamkeit an Geist und Wahrheit“ versuche, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Die Wahlplakate waren schon 1949 so simpel und nichtssagend wie heute noch. Allerdings: Mit bloßen Busen und nackten Hintern wurde damals nicht geworben. Die SPD druckte ein Plakat mit der grotesken Aufschrift „Mutterglück“. Auf dem Plakat war eine junge Frau mit einem strahlenden Kind zu sehen. Der bemerkenswerte Text: „Mutterglück – gesichert durch Menschenrechte und Sozialisierung – deshalb Sozialdemokratie“. Auf einem CDU-Plakat hieß es schlicht „Die Rettung“. Oder: „Saat und Sonne – Bauer und CDU gehören zusammen“. Nicht weniger sentimental war dieses SPD-Plakat: „Eigentum mit Garten und Kleintierstall haben die volle Zustimmung der Sozialdemokratischen Partei“ – Unterschrift „Dr. Schumacher“.

Schon am Tag nach der ersten Bundestagswahl zeigt sich der SPD-Vorsitzende verbittert über das Wahlergebnis. Für ihn hatte die „Reaktion“ über den „Fortschritt“ gesiegt. Die CDU/CSU hatte 31 Prozent der Stimmen bekommen und die SPD enttäuschende 29,2. Heute würde ein solches Ergebnis unweigerlich zur großen Koalition führen.

Adenauers anfängliche Zurückhaltung in der Koalitionsfrage war vor allem darin begründet, dass starke Kräfte in CDU und CSU für eine Koalition mit der SPD eintraten. Er selbst hingegen war immer für eine kleine Koalition. Wie Adenauer war auch Schumacher für eine kleine Koalition der Marktwirtschaftsparteien CDU/CSU, FDP und Deutsche Partei. Keiner der beiden kantigen und streitlustigen Parteiführer konnte sich vorstellen, ins Kabinett des anderen einzutreten. Adenauer, noch nicht Bundesvorsitzender seiner Partei, hatte weit größere Schwierigkeiten, sich mit seinen Koalitionsplänen in der Union durchzusetzen als Schumacher in der SPD. Doch Adenauers Gegenspieler saßen nicht in der Bundestagsfraktion, sondern in den Landeshauptstädten und in den Sozialausschüssen. Es waren vor allem Karl Arnold, der als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen eine große Koalition führte, der nordrhein-westfälische Landtagspräsident Josef Gockeln, Hessens Finanzminister Werner Hilpert, Jakob Kaiser von der Berliner CDU, Bayerns CSU-Ministerpräsident Hans Ehard und der Sozialausschussvorsitzende Johannes Albers. Als Franz-Josef Strauß, damals Generalsekretär der CSU, später für eine kleine Koalition stimmte, musste er sich von seinem Ministerpräsidenten dafür einen „Deppen“ schimpfen lassen.

Eine Woche nach der Wahl lud Adenauer CDU-Politiker aus dem ganzen Bundesgebiet und den jungen Franz-Josef Strauß in seine Rhöndorfer Wohnung ein. Als Gastgeber präsidierte er der Runde und ergriff die Initiative zur Regierungsbildung. Sein Freund Dr. Robert Pferdemenges beschreibt dieses für die Geschichte der Bundesrepublik berühmt gewordene Rhöndorfer Treffen in seinen Memoiren eindrucksvoller als Adenauer in den seinen: „Ich weiß“, sagte er (Adenauer), „hier in unserem Kreis sind viele der Meinung, dass eine Koalition mit der SPD die beste Lösung wäre. Ich halte das für falsch.“ Und weiter heißt es bei Pferdemenges: „Als Adenauer geendet hatte, spendete nur ein Teil der Hörer Beifall. Ein anderer Teil – nach meiner Schätzung war es etwa die Hälfte – verharrte in ablehnendem Schweigen. Mit dem nächsten Redner kam dann die gegenteilige Ansicht zu Wort. Ich glaube, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier trat als erster für eine Koalition mit der SPD ein.“

Pferdemenges betont, dass Adenauer unermüdlich und stereotyp wiederholt habe, die Wähler hätten sich für die soziale Marktwirtschaft und gegen den Sozialismus entschieden. Er behauptete dies so lange, bis seine Gegner nahezu verstummt waren. Der Teilnehmer Pferdemenges zitiert Adenauer noch einmal so: „Wollen Sie für oder gegen eine Große Koalition sprechen?“, fragte er einen der Herren, die sich zu Wort gemeldet hatten und auf die Antwort: „Für diese Koalition“, erklärte Adenauer: „Dann bin ich dafür, dass wir uns erst mal durch einen kleinen Imbiss stärken.“ Die Wortmeldung eines Gegners übersah er geflissentlich. Als sich dann alle erhoben hatten, trat Adenauer auf ihn zu und flüsterte: „Wenn Sie mal austreten wollen, brauchen Sie sich nicht erst zu melden.“

Das Ende der Rhöndorfer Konferenz schildert Pferdemenges wie folgt: „Als wir uns dann nach dem Essen wieder versammelten, begann Adenauer mit einer überraschenden Wende: ,Wenn wir davon ausgehen, dass die kommende Regierung von CDU/CSU, FDP und DP gebildet wird …’ Dann kam Adenauer rasch zu den Personalien. Als ihn einer als künftigen Bundeskanzler vorschlug, meinte der 73-Jährige lächelnd: ,Wenn die Herren alle dieser Meinung sind.’“

Doch selbst 14 Tage nach der Wahl gaben sich Adenauers Widersacher in der Union noch nicht geschlagen. Karl Arnold wollte in Bonn eine große Koalition wie er sie in Düsseldorf führte. Viele Unionspolitiker in Nordrhein-Westfalen waren ohnehin der Meinung, dass der erste Bundeskanzler nicht Adenauer, sondern Arnold heißen sollte. Für eine große Koalition setzten sich auch jetzt noch der südwürttembergische Staatspräsident Gebhard Müller ein, der hessische Finanzminister Hilpert, der südbadische Ministerpräsident Leo Wohleb, der niedersächsische CDU-Chef Günther Gereke, der bayerische Justizminister Josef Müller und die christlichen Gewerkschaftler. Alle westdeutschen Ministerpräsidenten verlangten Ende August in einer dramatischen „Proklamation an das deutsche Volk“ noch mal „eine starke Bundesregierung, die vom Volk getragen wird“ – ein deutlicher Hinweis auf eine große Koalition.

Doch Adenauer hatte längst Koalitionsgespräche mit der FDP und mit der hauptsächlich in Norddeutschland agierenden Deutschen Partei aufgenommen. Diese drei Parteien verfügten zusammen über 208 Sitze – 202 waren notwendig. Exakt diese Zahl erreichte Adenauer bei der Kanzlerwahl am 15. September 1949. Eine Stimme weniger, und ein zweiter Wahlgang wäre nötig geworden – mit äußerst ungewissem Ausgang.

Die „Frankfurter Rundschau“ erinnerte Adenauer an das Wort des Königs Pyrrhus: „Noch ein solcher Sieg und ich bin verloren.“ Konrad Adenauer blieb allerdings 14 Jahre Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – und tat sich schwer, 1963 mit beinahe 88 Jahren abzutreten. Er gab den Weg zur heutigen Kanzlerdemokratie vor. Allerdings: Wie Merkel heute, so brauchte auch damals schon Adenauer immer die CSU.

1949 lag die SPD im Wahlkampf vor der Union, 2009 ist es umgekehrt. Aber auch heute sind Überraschungen durchaus möglich.

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